Kibbuzim werden 100

Häuser aus recycelten Materialien und Lehm


Kibbuz Lotan, eine Gemeinschaft in Israels Negev, ist konzipiert um egalitäre Ideologie und reform-jüdische Werte miteinander zu verbinden. Es ist eine inter-national anerkannte Institution für „anwendbare Umweltbildung“ geworden. Lotans Schwerpunkt ist das „Permakultur“ genannten Konzept, welches sich der Pflege der Erde widmet. In diesem Inter-view aus dem amerikanischen „Reform Judaism“ Magazin er-klären vier der führenden Öko-logieexperten von Kibbuz Lotan, wie Reformjuden und Gemeinden überall (in Nord America) die Beziehung zur Erde verändern können.


In Kibbuz Lotan´s Zentrum für kreative Ökologie bieten Sie eine „Green Apprenticeship in Permaculture and Ecovillage Design“ (grüne Ausbildung in Permakultur und Ökodorf-Design) an. Was genau ist Permakultur und wieso glauben Sie, dass es so wichtig ist, es zu lehren?

Mike
Mike Kaplin, Mitbegründer, Direktor
und Leitender Permakultur-Lehrer im
Zentrum für Kreative Ökologie:

In den 1970ern entwickelten Bill Mollison, ein australischer Ökologe und einer seiner Studenten, David Holmgren, dieses Konzept: - eine Verkürzung der Begriffe Permanent- und Agrarkultur (oder nachhaltige Agrarkultur). Daraus wurde permanente Kultur (oder nachhaltige Kultur); Permakultur ist eine Kultur, Philosophie und Designmethode, die uns lehrt, das gesamte System oder Problem zu betrachten, zu beobachten wie die Teile zusammen gehören und dann zu flicken, was eine Reparatur benötigt, unter Benutzung von über die Zeit erprobten, nachhaltigen Praktiken. Wenn wir zum Beispiel im Begriff stehen einen Gegenstand in einem Geschäft zu kaufen, etwa eine Flasche Milch, denken wir nicht nur an den unmittelbaren Nutzen, sondern bedenken auch das gesamte Bild; brauche ich das wirklich, wo wurde das produziert, welche Materialien wurden verwendet? Und wir bedenken immer, was passiert nachdem es genutzt wurde, wie wird es entsorgt? Um uns in unserem Entscheidungsprozess zu leiten, hat Permakultur eine einfache Referenz, wir nennen sie „die drei Ethiken“:
Pflege der Erde, alle Lebewesen eingeschlossen - Pflanzen, Tiere, Land, Wasser und Luft
Pflege der Menschen; Zugang zu Ressourcen, Selbstvertrauen und gemeinschaftliche Verantwortung vermitteln und
gerechtes Teilen; den Konsum limitieren, um sicher zu stellen, dass die begrenzten Ressourcen des Planeten weise und gerecht genutzt werden.
Nun, bevor wir also unseren Milch-Einkauf tätigen, können wir die „Pflege der Erde“ Frage stellen: Wurden die Tiere, die die Milch gaben gut behandelt? Wurden sie mit gesprühtem Futtermittel gefüttert, welches eventuell die Milchqualität beeinflusst ebenso wie die Erde, auf der das Futter wuchs? Ist der Bauernhof in der Nähe, so dass Luftverschmutzung aufgrund langer Transportwege vermieden werden kann?
Wir fragen die „Pflege des Menschen“ Frage: Entsorgt der Bauer die Gülle so, dass sie nicht das lokale Trinkwasser verschmutzt? Wird der Verkauf der Milch Einkommen für einen nahen Bauernhof bringen, so dass es wahrscheinlicher ist, dass das Geld effektiv in der nahen Umgebung genutzt wird?
Und wir fragen auch die „Gerechtes Teilen“ Frage: „Sind Teile des Weidelands „Wildland“ für Wild? Kann die Milchflasche erneut genutzt oder einfach recycelt werden oder wird sie, wenn sie weggeworfen wird, zum Wachsen der Müllberge beitragen?
Wenn wir wirklich verstehen, dass wir nur einen Planeten Erde haben und dass ihre Ressourcen limitiert sind, dann werden wir es schätzen, dass wir mit der Gabe ausgestattet sind die Erde zu ver-ändern zu können - zum besseren oder zum schlechteren - mit jeder Entscheidung die wir treffen.

Sie zitieren den Permakultur Designer Graham Bell: „Bei der Permakultur geht es darum, den Weg zu suchen und zu finden, der uns zurück zu uns selber führt, um in uns zu finden, was wir zum Leben brauchen; dass wir aufhören danach woanders zu suchen. Was meint er damit?

Mike:
Wenn wir nur eine Sekunde innehalten und auf unsere Leben schauen, werden wir eventuell feststellen, dass alles was wir brauchen, wollen und was uns wirklich glücklich macht, einfach und preislos ist und wahrscheinlich universell: Familie, Freunde; Liebe und Gesundheit. Im Kontrast dazu zwingt unsere Konsumgesellschaft uns dazu, Glück durch den Kauf von den neusten, schnellsten und effizientesten Apparaten zu suchen - aber nach einer kurzen Zeitspanne ist das ganze Glück vorbei. Und ironischerweise, mit all unseren modernen super-duper zeitsparenden Geräten, wie viel Zeit haben wir um unseren Nachbarn „Hallo“ zu sagen, mit unseren Kindern zu spielen oder Familie und Freunde zu besuchen.

alex
Alex Cicelky, ein Gründungsmitglied
von Lotan, Wissenschaftler,
Designer und Bauherr mit
Schwerpunkt auf umwelt-
freundlichen Systeme:

Zeit für Familie und Freunde zu finden beansprucht aktiven Einsatz. Ich habe einige Zeit gebraucht um zu verstehen, dass sogar das „Bildungsfernsehen“ oder Sendungen über fremde Länder und Ethno-Küche mir nur Zeit für meine Familie genommen hat. Jetzt nehmen wir den Shabbat als Modell, um eine Atempause von den werktäglichen Gewohnheiten einzulegen, wir lassen den Fernseher aus, begrenzen die Zeit im Internet, kochen alle unsere Essen zusammen und laden unsere Freunde zum Abendessen ein. Anstatt „danach woanders zu suchen“ haben wir unsere eigene interaktive Reise- und Kochshow - zum Beispiel die mexikanische Essens-Fiesta, welche wir mit selbst gemachten Tortillas kreierten. Es war großartig und die Kinder freuen sich schon auf das Abenteuer der nächsten Woche.

Wie durchdringen die jüdischen Lehren euere Verpflichtung zur Gemeinschaft und euer Umweltbewusstsein?

Alex:
Als wir Lotan in Israels Arava Wüste aufbauten, weit entfernt von dem Zentrum des Lebens, folgten wir dem Ruf von Ministerpräsident David Ben Gurion „die Wildnis zu erobern“. Heute formen uns die Erfahrungen der Wildnis politisch, sozial und spirituell, wie unsere Vorfahren, welche nach dem Auszug aus Ägypten hier vorbeizogen, Hier, in dem Garten, den wir in der Wüste pflanzen, ist Genesis 2:15 unser Lehrer, diese Stelle unterweist uns in zwei hebräischen Wörtern wie die Umwelt gepflegt wird, um das Potenzial als Garten Eden zu realisieren: „l‘ovda ulshomra“ das bedeutet „zu pflügen und pflegen“. Das Wort „avda“ (pflügen) hat die gleiche Wurzel wie das Wort „avoda“ (das Wort für Arbeit und Gottesdienst).
Auf der physischen Seite bedeutet avda Arbeiten, das Land bearbeiten, Nahrung zu züchten - und spirituell bedeutet es Gebet, Dankbarkeit und sogar Ehrfurcht.
1955, acht Jahre bevor Rachel Carsons „Silent Spring“ (dt. der stumme Frühling) die Umweltbewegung anfachte, schrieb Joshua Heschel diese prophetischen Wörter: „So wie Zivilisation voranschreitet, nimmt der Sinn für Wunder ab. Diese Abnahme ist ein alarmierendes Symptom für unseren Geisteszustand. Die Menschheit wird nicht umkommen wegen des Wunsches nach Information, sondern wegen des Wunsches nach Wertschätzung.“ (Gott sucht den Menschen, 1954) Wie Rabbi Burt Jacobson sagt: „An der Wurzel der Umweltkrise steht die Finsternis des Staunens und die Ersetzung durch Gedankenlosigkeit, Gier und Herrschaft“. Im Gegensatz dazu ist es unsere avoda die herrliche Welt zu genießen, ohne den Filter des „das ist für mich hier “.
In Lotan arbeiten wir daran, erneut herauszufinden, was wir brauchen, was wir nutzen um unsere Bedürfnisse zu stillen und wie wir dies tun können, ohne Müll und Luft-verschmutzung zu erzeugen. Wir leben am Kreuzung von jüdischer Kultur und Permakultur.

Einige Menschen argumentieren, dass das Umweltbewusstsein im wesentlichen kein jüdischer Imperativ ist, dass die beiden verwandte aber nicht integrierte Ideen sind. Wie würdet ihr antworten?

Leah
Leah Zigmond, Akademische Direktorin
und Bildungsdirektorin des
Ökozentrums; Gärtnerin; ehemals
Gärtnereibesitzerin und biodynamisch
Anbauende:

Ich würde sagen, dass die beiden untrennbar sind. Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, sagt uns die Thora, dass es keine Bäume in den Feldern gab oder Kräuter in den Gärten, da Gott noch keinen Regen gesandt oder einen Menschen geschaffen hatte, der das Land bestellt. Erst nach dem Formen des Mensch aus Staub und dem Einhauchen von Leben in seine Nasen, pflanzte Gott einen Garten. Wie es geschrieben ist: „... und er tat dahin den Menschen, den er gebildet.“ (Gen. 2:5-2:15) Aus dieser Passage schließe ich, dass zu einem gewissen Grad die ganze Welt darauf gewartet hat, dass der Mensch an die Arbeit geht. Man bedenke, dass Gottes Akt des Garten-pflanzens anders war als der des Schaffens der anderen natürlichen Räume, deren Existenz Gott einfach befahl. Der Garten, eine Metapher der Erde, benötigt weitergehende Bearbeitung.
Und man beachte unseren ursprünglichen Job als Menschen nach der Thora: Unser erster Jobtitel war Gärtner. Sich um die Erde zu kümmern ist sicherlich heilige Arbeit, jüdische Arbeit.

Hier entsteht ein Unterstand aus Autoreifen, Plastikflaschen, Heu und Lehm
Um diese heiligen Arbeit anzupacken, wo sollen wir beginnen?

Mike:
Da jede Tat Konsequenzen hat, positive oder negative, ist der erste Schritt bedächtige Beobachtung. Du beobachtest, sammelst Information, fragst Fragen, die in der Ethik der Permakultur liegen und bist unvoreingenommen, bevor du ein Urteil fällst und in Aktion trittst.
Denke an die drei R - Reduce, Reuse, Recycle (Reduzieren, Wiederverwerten, Recyceln) in dieser Reihenfolge der Wichtigkeit. Beginne mit kleinen Veränderungen. Frage Dich selber: Werde ich anfangen zu recyceln? Kompostieren? Mitfahrgelegenheiten schaffen? Mehr mit dem Fahrrad fahren? Kräuter anbauen? Du wirst beeindruckt sein, wie kleine Veränderungen einen Domino Effekt ansstoßen können.

Alex:
Rabbi Hillel‘s Sprichwort „Wenn ich nicht für mich bin, für wen bin ich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann? passt perfekt auf unsere Entscheidungen als Konsumenten „Wenn ich nicht für mich bin...“: ich habe das Recht auf meinen Teil an der Welt.
„Wenn ich nur für mich bin...“: wenn ich mehr als meinen Teil nehme, bin ich aus dem Gleichgewicht mit dem, was die Welt geben kann.
„und wenn nicht jetzt, wann dann?“: ich werde jetzt anfangen, da jede meiner Taten Auswirkungen auf jemanden anderes haben.
Vielleicht kann ich es mir leisten, das Licht brennen zu lassen, aber das bedeutet, dass ich den Stromwerken sage, sie sollen mehr Kohle verbrennen, mehr Luft verschmutzen und mehr Menschen und Tieren schaden. Hier in Israel sterben mehr als 1600 Menschen jedes Jahr an der Luftverschmutzung von Abgasen der Industrie, der Stromerzeugung und von Fahrzeugen. So, das nächste mal, dass ich einkaufen gehe, werde ich nicht die Plastiktüte nehmen; ich werde meine Lebensmittel in meinen Rucksack packen. Bevor ich ins Bett gehe, werde ich die Stecker ziehen und den Strom an allen elektrischen Geräten abstellen, da sie auch Strom verbrauchen, wenn sie nicht benutzt werden. Ich werde einen Eimer in die Dusche stellen und das gesammelte Wasser für die Blumen nutzen. Und wenn die Zeit gekommen ist mein Haus, Büro oder die Synagoge zu renovieren, werde ich die gesundesten, umweltfreundlichsten Materialien nutzen, die ich finden kann um Energie zu sparen.

Eco- Village in Lotan. Die Häuser sind gut Isoliert und werden von Solarstrom versorgt


Betrachtet man die Unmenge von den Umweltschäden in der Welt, sieht es so aus, als wenn vieles, dass hier vorgeschlagen wird nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist - dass es kaum der Anstrengung wert ist.

Alex:
Aus der Perspektive der Permakultur müssen wir alle einen Schritt nach dem anderen machen, ohne Vorbedingungen an ein endgültiges Resultat. Aus einer jüdischen Perspektive beantwortet Rabbi Tarfon die Einwände gegen die Auseinandersetzung mit scheinbar unüberwindbaren Aufgaben als er sagte: „Es ist nicht an Dir die Aufgabe zu beenden, aber Du darfst auch nicht von ihr ablassen.“

Praktiziere ich schon Permakultur, wenn ich Essen in meinem eigenen organischen Garten anbaue?

Leah:
Organischer Anbau befasst sich mit der Nahrungsproduktion, was nur ein Teil des Ganzen ist. Permakultur fasst den gesamten „ökologischen Fußabdruck“ des Nahrungskreislauf ins Auge - verfolgt ihn entlang seines Weges von der Produktion bis zum Verbrauch: wo der initiale Aufwand (Samen, Dünger, Bodenbeanspruchung, Wasser) herkommt, wo wird die Nahrung produziert, wie gelangt sie zum Konsumenten und was passiert mit jeglicher Art von Müll, die anfällt.

Biogemüse

Welche Permakultur-Gartentechniken empfehlt ihr?


Leah:
Bei der Permakultur reden wir über die Reduzierung von Müll dadurch, dass wir sicher stellen, dass jede einzelne Komponente in dem System mindestens drei verschiedenen Zwecken dient. Zum Beispiel, wenn du dich mit anderen zusammenschließt um Obst, Gemüse oder Kräuter anzubauen, könnten dies die drei Vorteile sein:
Das Bewusstsein zu stärken, wie das Produzierte aussieht und schmeckt, wenn es direkt aus dem Boden kommt,
als Gemeinschaft das Leben in der Erde entdecken und
das stärkende Gefühl erleben, einen Samen zu pflanzen und später eine Getreideähre oder einen Brokkoli zu ernten.

Welche typischen Fehler beim Gärtnern können wir vermeiden?

Leah:
Ein verbreiteter Fehler ist es zu glauben, dass dieses Abenteuer nicht viel harte Arbeit bedeutet. Gärtner müssen Unkraut zupfen, Planzen feucht halten (du kannst natürlich Mulch über die Erde geben, etwa trockenes Laub oder Stroh, um die Erde vor dem Austrocknen zu bewahren) und für genug Nahrung im Boden sorgen (du kannst Kompost aus Abfällen aus Garten und Küchen mischen, was Nahrung bereit stellt und die Textur des Bodens verbessert)

Alex:
Der größte Fehler ist es aufzugeben, wenn du es nicht schaffst. Manchmal funktionieren die Dinge nicht. Wie uns Jom Kippur lehrt: was ist jüdischer als Fehler zu machen, zu reflektieren und von ihnen zu lernen?
Frage dich selber: Was kann ich hiervon lernen? Wer könnte mir helfen? Irgendwo in der Nähe gibt es eventuell einen älteren Herren, der Tomaten züchtet und der ist ein wesentlich besserer Lehrer als die Rückseite der Samenpackung oder eine TV Show. Backe ein paar Kekse, geh vorbei und frag ihn nach ein par Tipps.

Wie kann ich anfangen Konsum und Müll zu reduzieren?

Leah:
Ein guter Anfang ist es organischen Müll zu kompostieren. In unserem Kibbuz ist 40% unseres Mülls organisch und kompostierbar, so haben wir ihn in hochqualitativen Dünger umgewandelt. Wenn wir stattdessen erlauben, dass der Müll auf einer Deponie verkommt, würden aus ihm große Mengen von Methan, einem wesentlichen Gas der Erderwärmung, werden.
Als nächstes nutze deine Ressourcen wieder. Vermeide so viele Wegwerfprodukte wie möglich - du kannst sogar Geburtstagsgeschirr aus Plastik kaufen, das gewaschen werden kann. Gieße gebauchtes Schmutzwasser in den Garten. Bezahle lieber etwas mehr für Gegenstände, die repariert werden können, wenn sie kaputt gehen.

Alex:
Müll zu reduzieren benötigt einen bewussten Aufwand. Meine Kinder sagen mir unser Computer sei alt. Er wurde zu heiß, so ersetzte ich den Lüfter. Das war günstig, und so konnten wir noch eine weitere Festplatte hinzufügen. Irgendwann werden wir ihn ersetzen, aber erst, wenn er nicht mehr repariert werden kann.
Schau in unseren Mülleimer. Der Mülleimer ist ein großartiger Lehrer, wenn wir bereit sind ihm zuzuhören.

Gegenstände zu reparieren ist nicht einfach, wenn du selber kein Mechaniker bist?

Alex:
Nimm dieses Buch: Dare to Repair: a Do-it-Herself Guide to Fixing (Almost) Anything in the Home von Julie Sussmann. Schau im Internet nach - ich bin immer umgeben von Menschen, die gerne ihr Fachwissen mit mir teilen. Vor gar nicht langer Zeit fiel mein Laptop von meinem Fahrrad und die Tastatur wurde verbogen - ich machte eine Suche im Internet und entdeckte eine Schritt-für-Schritt Anleitung mit Fotos, wie man eine Tastatur öffnet und, der Anleitung folgend, war ich fähig die Tastatur wieder an ihren Platz zu biegen. Es ist einen Versuch wert.
Eine andere Option ist nach Hilfe fragen. Dieser Kerl etwas weiter die Straße runter, der immer an seinem Auto rumschraubt - der hat bestimmt eine Garage voller Werkzeuge und würde sicher vorbeikommen um dir zu helfen, die Waschmaschine auseinander zu nehmen um das verstopfte Rohr zu reinigen. Du darfst nur nicht vergessen, einige Kekse als Dankeschön zu backen.

Die vielen „grünen“ Technologien von heute vor den Augen, wie soll man da wählen?

Alex:
Es ist am besten, eine „wenig-Kohlenstoff“ Entscheidung zu treffen, die die natürliche Topographie unterstützt, das Klima und die verfügbare Solarenergie, ebenso wie die menschliche Energie, die benötigt wird um das Projekt am laufen zu halten. Die Idee ist es, alte Modelle beiseite zu legen um neuen, hocheffizienten Praktiken Platz zu machen. Weiter soll der Plan zur Aufrechterhaltung des Projekts, zu welchem man sich verpflichtet hat, eingehalten werden (so wie jeder Garten Bewässerung braucht) Du musst auch prüfen, ob dein Design praktikabel ist, indem du solche Fragen stellst:
Was passiert wenn das Geld zur Neige geht oder der Regen zu früh kommt?
Es ist möglich ein Passivhaus mit Solarplatten zu planen, das gut auf dem Papier aussieht, nur um bei der Fertigstellung herauszufinden, dass Bäume die Fenster bedecken, die es braucht um sich aufzuwärmen, das Haus den Garten zu schattig macht oder beide zu viel Sonne bekommen. Wenn man den Permakultur-Prozess nutzt, können viele teure Reparaturen dieser Art vermieden werden.
Wenn Du dabei bist ein Projekt zu beginnen - irgendetwas von dem Kultivieren eines sumpfigen Gartens zu einem Gemüsegarten oder dem Renovieren der heimatlichen Synagoge - schlage ich vor, einen PDC (Permakultur Design Course) zu belegen. Diese dauern normalerweise zwei Wochen oder bestehen aus einer Reihe von wöchentlichen Lernveranstaltungen, PDC´s werden heutzutage fast überall auf der Welt angeboten, natürlich auch in Lotan´s Zentrum für Kreative Ökologie. Studenten lernen eine große Menge von Technologien, einige einfach und andere recht fortgeschritten, ebenso wie eine Serie von Designprozessen um ökologische Einschränkungen und Ressourcen einschätzen zu können. Ein guter PDC kann jeden befähigen, sein eigener Handwerker zu werden. Du musst nicht alle Arbeit alleine machen, du musst nur wissen, was das richtige für dich ist.
Ich habe gesehen, dass dieser Prozess zu unerwartet sensiblen Projekten führt. Im ländlichen Deutschland zum Beispiel baute eine Gemeinde einen wunderschönen großen Swimmingpool mit einem kleinen Sandstrand anstelle von dem einfachen Wassertank, den die Feuerwehr als Wasserspeicher für die Brandbekämpfung vorschrieb. Auf Lotan bewässert eine Abwasseranlage ein Stück Land für die Ziegen und wurde ein Raststelle für Zugvögel.

Können Stadtplaner Permakultur betreiben?

Mike:
Städte sind die aufregendsten Plätze, an denen Permakultur effektiv sein kann. Dort gibt es den Vorteil, dass viele Menschen auf engem Raum sind, wenn alle zusammen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Du kannst mit Bereichen beginnen, in denen eine Übereinkunft herrscht, zum Beispiel: Jeder in unserer Stadt hat das Recht auf saubere Luft. Wenn wir alle unsere Autos in diesem begrenzten Raum benutzen, verursacht das viel Luftverschmutzung. Dann geht es darum kreativ zu sein, das Problem in eine Lösung zu verwandeln.
Kleine Pause....
In einigen Städten sind die Lösungen genial. Zm Beispiel wurde die Curitiba Region in Brasilien, welche 1,6 Million Menschen beheimatet, ein internationales Modell für nachhaltige Stadtentwicklung, trotz der Schwierigkeiten in der Planungsphase - in diesem Fall eine Militärdiktatur und eine Wirtschaftskrise. Dort gibt es ein radikales, billiges, nur großflächigem Bus-Verkehrsnetzwerk auf Straßen, die nur für Busse freigegeben sind, das so effizient ist, dass der Autoverkehr signifikant gesunken ist und Curitiba heute die niedrigste Rate an Luftverschmutzung und den niedrigsten pro Kopf Benzinverbrauch im Land misst. Curitiba setzte auch 52 m2 Grünfläche pro Person durch, beginnend mit einem Quadratmeter 1970. Bewohner pflanzten 1,5 Millionen Bäume entlang der Straßen und Häuser und Bauherren bekamen eine Steuererleichterung für Projekte, die Grünflächen vorsahen. Recyceln ist ein wichtiges Ziel, damit die Stadt funktioniert. Durch das „Grüner Tausch“ Arbeitsprogramm können einkommensschwache Familien in Gebieten ohne Zugang zu Müllabfuhr, den Müll zu Nachbarschaftszentren bringen und bekommen dafür Bustickets und Essenmarken, das führt zu weniger Stadtverschmutzung, weniger Krankheiten, weniger Müll in den Flüssen und einem besseren Leben für die Armen. Kinder können recyclebaren Müll gegen Schulmaterial, Schokolade, Spielzeug und Konzertkarten eintauschen. Darüber hinaus wird 70% des Mülls von den Bewohnern recycelt und die Stadt stellt Obdachlose und trockene Alkoholiker in den Mülltrennungsanlagen ein.
Auch wenn noch nicht jede Stadt bereit sein mag Curitiba zu werden, können wir mehr tun. Wer können Obst in Gemeinschaftsgärten anpflanzen und wir müssen mehr Bäume anpflanzen. Die Antwort auf viele globale Probleme. Bäume säubern die Luft, regulieren die Temperatur, verhindern das Austrocknen der Erde, bieten Nahrung und Schutz für die Tierwelt. Sie geben viel mehr als sie nehmen.

Müssen Modelle wie Lotan und Curitiba zum Mainstream werden um die Welt zu retten?

Alex:
Lass uns das gesamte Bild anschauen. Während der meisten Zeit der Menschheitsgeschichte lebten und teilten wir Ressourcen in unseren Stämmen. In den Shtetl boten jüdische Gemeinschaften ein Sicherheitsnetz für alle. Warum? Da jeder jeden kannte und eine gegenseitige Verantwortung eine Mizvah war.
Auch heute ist, wenn du deine Nachbarn kennst, teilen möglich. Als ich mit meiner Frau und zwei Kindern in einem Apartmentgebäude in Rehovot wohnte, brauchte ich mir nicht ein Werkzeug zu kaufen, da ich mich mit Haim aus dem vierten Stockwerk befreundete, der alle hatte. Auch brauchte ich kein Auto, da mich Yaron oder Karen aus dem zweiten Stock ein mal die Woche mit zum Supermarkt mitnahmen. Es gibt so viel ungenutzten Wohlstand überall um uns herum, den wir nutzen können - solange wir nicht glauben, dass das alles nur für uns allein ist. Wir stopfen unsere Häuser mit Zeug voll, das wir nicht brauchen. Natur im Gegensatz, teilt jedes Atom, recycelt andauernd.

Mark
Mark Naveh; Generaldirektor,
Kibbuz Lotan; Mitglied im
internationalen „Ecovillage
education curriculum board“

Gemeinschaft ist zugleich wertvoll und ein menschliches Bedürfnis. Leider hat die Zerstörung der traditionellen Gemeinschaften, welche mit den Ereignissen der modernen Zeit einhergingen, zu einer ganzen Reihe von sozialen und ökologischen Problemen geführt. Die traditionelle Gemeinschaft half Vertrauen, das Gefühl der Zugehörigkeit und vor allem Respekt und Verantwortung unter den Menschen und gegenüber der Umwelt zu schaffen. Wenn die Menschen von der Gemeinschaft entrissen werden, kann das Resultat eine Entfremdung und letztendlich sogar Gewalt gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Erde sein.
Ökodörfer - von Menschen geschaffene Gemeinschaften, die eine einander unterstützende Umgebung mit einer, die Umwelt wenig belastenden Lebensweise verbindet und eine starke spirituelle Dimension haben - versuchen diese Situation umzukehren. Während verschiedene Ökodörfer verschiedenen Wegen folgen, teilen sie das Verständnis, dass die Spiritualität die notwendige Zutat ist, die uns Sinn gibt und uns zusammenfügt und hält. Sicherlich, das Ökodorf ist momentan außerhalb des Mainstream; aber Gemeinschaften, die eine Vorreiterrolle im Entwickeln von nachhaltigen Lösungen für soziale, ökonomische und ökologische Probleme haben, haben einen immer währenden Einfluss für die Zukunft. Ihre Ideen können überall umgesetzt werden, wo Menschen leben. Alles was benötigt wird, ist Willen und ein wenig Kreativität. Gemeinschaft ist der Schlüssel. Und natürlich haben Synagogen als Zentrum der spirituellen Gemeinschaften eine lebenswichtige Rolle in diesem Prozess.

Gibt es noch etwas, dass ihr unseren Lesern vorschlagen könnt?

Alex:
Geh nach draußen und suche nach einem Ort, an dem du dich wohl fühlst. Mache eine Liste von Dingen, die dich glücklich machen. Prüfe, ob es genug Ressourcen auf der Welt gibt, dass du und jeder Mensch auf dem Planeten die gleichen Dinge von deiner Liste bekommen können. Danach überdenke deine Bedürfnisse und Ziele.
Und wenn du mit jemanden sprechen möchtest, ruf uns an (011-97-254-979-9009) oder schreib uns eine E-mail (kibbutzlotan@gmail.com) Es ist unsere avoda (alle Bedeutungen des Wortes natürlich) zu helfen. Mit den Gedanken von Rabbi Hillel: „Mach es einfach, jetzt.“


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