Parashat Bechukotaj, Leviticus 26:3-27:34, wird in der Woche gelesen, die am Shabbat, den 04. Juni 2016 endet.

Bechukotaj: Die Würde der Freiheit

Von Rabbi Neal Gold, übersetzt von Jakob Walbe

Die letzten Kapitel von Leviticus zeigen zwei mögliche Szenarien für das jüdische Volk, wenn es in das  das Land Israel zieht. In dem einen Szenario bleibt das Volk dem Bund zu G’tt verpflichtet. Das Resultat dieser Verpflichtung wird mit den bewegendsten und schönsten Beschreibungen von Frieden und heiliger Intimität beschrieben, die wir in der Thora finden können. (Lev. 26:3-13)

„Aber…“ Das erste Wort von Vers vierzehn ist eines der belastetsten Überleitungen in der Thora! „Aber wenn ihr mir nicht gehorcht…“ Mit diesen Worten beginnt ein weiterer Abschnitt und was folgt ist eine schreckenserregende Alternative der Zerstörung, Vernichtung, Verwüstung und letztendlich Exil aus dem gelobten Land.

Lasst uns für heute bei dem Segensreichen bleiben. Die Thora verspricht, dass Israels Verpflichtung zum Bund Wohlstand, Fruchtbarkeit, Sicherheit vor den Feinden, Frieden im Land und eine bleibende Nähe zu G’ttes bringen wird. Der Abschnitt gipfelt mit diesem hintergründigen Vers:

„Ich bin der Ewige, euer G’tt, der euch aus dem Land Mizraijim geführt hat, um nicht länger ihre Knechte zu sein. Der die Stangen eures Jochs zerbrochen hat und gemacht hat, dass ihr aufrecht gehen könnt“ (Lev. 26,13)

Das ist eine intensive Version von Freiheit. Die Thora nutzt die Metapher eines Tieres unter dem Joch. Rashi erklärt, dass das word מטת, welches mit „Gitter“ übersetzt wird, auf die hölzernen Teile hinweist, welche die Zügel des Jochs mit dem pflügenden Tier verbindet (wie zum Beispiel einen Ochsen) so dass es fest sitzt und nicht abrutscht. In diesem Bild, Israel als Ochse und die Feinde als Pflüger, ist G’tt derjenige, der die Teile zerschlägt, welche das Joch zusammenhalten. Wenn das Joch einmal zerstört ist, wird der Kopf des Tiers nicht länger zum Boden gezogen und es kann mit seinem natürlichen Gang und aufrecht laufen.

Natürlich kann es sich auch überhaupt nicht um eine Metapher handeln. Viele Sklaven, Afrikaner, welche nach Amerika entführt wurden, kommen in den Sinn, wurden mit eisernen Fesseln, welche sie dazu zwang, in gebückter Haltung über den Boden gebeugt zu laufen, gefesselt. Das Joch zu zerschmettern, dies  ist die natürliche Art der Thora, über G’ttes befreiende Kraft zu sprechen.

Der Ausdruck: „dass ihr aufrecht gehen könnt“ ist eindrucksvoll. Während wir wissen, was  er buchstäblich ausdrückt – die Möglichkeit unbelastet zu gehen – ist die Syntax des Ausdrucks

וָאוֹלֵךְ אֶתְכֶם קוֹמְמִיּוּת

nicht so offensichtlich. Auch wenn alle Übersetzungen aus kommemiyut ein Adverb – „aufrecht, gerade“ machen, ist es ein Substantiv, dessen Wurzel mit „etabliert“ oder  „auferstanden“ verbunden ist. Es ist auch ein hapax legomenon, was bedeutet, dass es die einzige Stelle ist, an dem das Wort in der Bibel auftaucht. Normalerweise ermitteln wird die Bedeutung eines Wortes, indem wir es mit den anderen Textstellen vergleichen, an dem es auftaucht. Da es aber nur ein mal auftaucht, haben wir weniger Ressourcen, um diesen aussergewöhnlichen Ausdruck zu übersetzen.

Der jüdische Kommentator Ovidah Sforno, welcher von 1475 bis 1550 in Italien lebte, hilft uns hier, da er kommemiyut  als das gegenteilige Bild definiert, welches uns in Isaiah 51:23 gezeigt wird:

וְשַׂמְתִּיהָ בְּיַד מוֹגַיִךְ אֲשֶׁר אָמְרוּ לְנַפְשֵׁךְ שְׁחִי וְנַעֲבֹרָה וַתָּשִׂימִי כָאָרֶץ גֵּוֵךְ וְכַחוּץ לַעֹבְרִים:

„…deinen Schindern in die Hand geben, die zu deiner Seele sprachen: Bücke dich, daß wir darüberhin gehen, und mache deinen Rücken zur Erde und wie die Gasse, daß man darüberhin laufe.“

Der letzte Ausdruck ist fast ein direktes Zitat der letzten drei Zeilen unseren Verses, angepasst und in die erste Person plural übertragen.

Die zweite bekannte Stelle, in dem dieser Ausdruck auftaucht ist aus dem Birka Ha-Mazon, dem Gebet nach dem Essen:

„Der Barmherzige zerbreche das Joch des Exils von unserem Nacken, und Er führe uns aufrecht in unser Land. Der Barmherzige schicke reichen Segen in dieses Haus und auf diesen Tisch, an dem wir gegessen haben.“

Das Gebet ist sogar noch näher an dem Vers von Leviticus, an der Anspielung „zerbreche das Joch.“

In jedem dieser Beispiele ist kommemiyut mit dem Eretz (Land) in Verbindung. Diese Verbindung wäre für die frühen Zionisten des 19. und 20 Jahrhundert vollkommen natürlich gewesen. Die jüdische nationale Befreiungsbewegung war nicht nur darum bemüht, das Volk in sein historisches Heimatland zu bringen, sondern auch den jüdischen Charakter aufleben zu lassen – entweder durch die Formung eines „neuen Juden“ oder durch Wiederentdeckung eines Teiles des jüdischen Geistes, welcher durch die Jahrhunderte der Fremdherrschaft verloren gegangen war.   

Wahrscheinlich hat kein zionistischer Denker diese Veränderung kraftvoller beschrieben als A.D. Gordon (1856-1922). In Russland geboren und mit einer starken religiösen und säkularen Bildung aufgewachsen, machte Gordon 1904 Aliya und lebe die letzten Tage seines Lebens in Degania, dem ersten Kibbutz in dem Palästina der osmanischen Zeit. Gordon glaubte, dass die kollektive jüdische Seele durch Jahrhunderte der Armut, Unterdrückung und der Isolation in der Diaspora verdorben sei. Er ging sogar noch weiter: Er schrieb, dass Juden in der Diaspora (ohne Mitschuld) ein parasitäres Volk geworden seien. Des weiteren behauptete er, dass die jüdische Seele durch die wiederentdeckte Bearbeitung des Landes (Israel) wiedergeboren würde, da das Gefühl von Selbstwert und Würde in der uralten Erde gefunden würde.

„Es gibt nur einen Weg, der zu unserer Renaissance führen kann: Der Weg der körperlichen Arbeit, durch die Mobilisation aller unserer nationalen Energien, doch die absolute und aufopferungsvolle Hingabe für unsere Ideale und unserer Aufgabe… Ein Volk kann sein Land nur durch sein eigenen Fleiß erwerben, durch die Realisation des Potentials seines eigenen Körpers und seiner Seele, durch die Entfaltung und Offenlegung seines Innersten… Ein parasitäres Volk ist kein lebendiges Volk. Unser Volk kann nur zum Leben erweckt werden, wenn jeder von uns sich selber neu erschafft, durch Arbeit und einem Leben nahe der Natur. Sollte er diese selbstrehabilitation nicht erreichen wird die nächste Generation, oder die danach kommende, den Prozess beenden. So können wir, mit der Zeit, gute Bauern, gute Arbeiter, gute Juden and gute Menschen werden. (A.D. Gordon, „Some Oberservations“, 1911)

Gordon steht in einer Reihe mit jenen, die glauben, dass eine Verbindung zur Erde und einer nationalen Integrität Hand in Hand gehen; dies ist ein Glaube, der zurück bis zu Leviticus reicht.

Wahrscheinlich war Gordon uns seinesgleichen zu hart, wenn sie die Juden der Diaspora verdammten und als sei den zionistischen Mythos erschufen, dass das Exil Generationen von Juden schwach und sanftmütig gemacht hätte. Hatten diese Juden doch über zweitausend Jahre das Holz geschnitzt, aus dem das Judentum heute besteht. Trotzdem war es der zionistische Glaube, dass Israel dem jüdischen Volk Kraft geben würde, Kraft nach außen um die unterdrückten Brüdern und Schwestern zu retten und um Antisemitismus zu bekämpfen und Kraft nach innen, um die Bedeutung des Judentums auf ungeahnte Weise zu erneuern.

Das ist, was alle nationalen Befreiungsbewegungen machen: sie streben nach politischer Freiheit und sie versuchen Selbstrespekt und Würde eines Volkes zu erneuern, welches zu lange ausgeschloßen und demoralisiert wurde. So konnte Dr. Matin Luther King Jr. erklären:

„Wir können niemals zufrieden sein, solange unsere Kinder ihres Selbstbewusstseins und ihrer Würde mit Schildern „Nur für Weiße“ beraubt werden. Wir können niemals zufrieden sein, solange der Neger in Mississippi kein Wahlrecht hat und der Neger in New York überzeugt ist, dass er nichts hat, für das er wählen kann. Nein! Nein, wir sind nicht zufrieden, und wir werden nicht zufrieden sein, bis die „Gerechtigkeit wie ein Gewässer und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom herunterquellen.“ (I have a dream, 28. August, 1963) (1)

Mit anderen Worten: Es reicht nicht aus, nur das Joch der Unterdrückung zu zerbrechen und frei zu werden; mit der politischen Freiheit kommt eine Erneuerung der Bestimmung, Identität und Stolz.

Sicherlich, diese war eine der goßen Effekte des Zionismus – historisch gesehen und auch heute. Mit jedem Sieg sahen sich die Juden über die Jahrzehnte durch den Staat Israel geadelt. Am Tag der israelischen Unabhängigkeit wurden einige yiddische Zeitungen in Amerika mit blauer Tinte gedruckt – ein Zeichen der Anerkennung, dass ein neues Zeitalter in der jüdischen Geschichte angebrochen war. Und sicherlich kann sich jeder Jude, der sich an den Juni 1969 erinnern kann, die Tage der Nachrichtensperre während des Sechstagekrieges ins Gedächtnis rufen… und an das Aufatmen als Israels Sieg offensichtlich wurde. Diese Aufregung war, in Teilen, ein Ausdruck dessen, was Israel bedeutete: neue jüdische Kraft und die Möglichkeit für uns selber zu sorgen, zweiundzwanzig Jahre nach der Shoah.

Israel inspiriert uns weiterhin auf unzählbaren Arten. Es erneuert andauernd jüdische Religion, Musik, Literatur und Kunst auf eine Art, wie es nur in einer Gesellschaft möglich ist, welche auch eine uralte Sprach wiederbelebt hat: Hebräisch. Wir finden Inspiration in seinen Hightecherfindungen, welche die Industrie revolutioniert haben und das Leben auf dem Globus verbessert hat. Es hat Menschen aus dem Exil gesammelt und in seine Gesellschaft integriert. Wir feiern seine Kultur; jede israelische olympische Medaille wurde als eine Art Sieg für das jüdische Volk geteilt, um ein weiters Beispiel zu nennen. Und wir alle sollten gerührt sein, wenn wir israels Katastrophenhilfe sehen, wenn sich humanitäre Desaster entfalten.

Ich bin durch all diese Dinge und noch vielen mehr inspiriert. Wenn es ein Wolke gibt, die dieses Bild trübt, ist es dieses: Ich fürchte, dass das Trauma des Israelisch-Palästinensischen Konfliktes zu vielen von uns unseren Stolz auf Israels Errungenschaften – und die des jüdischen Volkes – hat vergessen lassen. Unsere Liebe für Israel, trotz seiner Schwächen, sollte einen tiefen Stolz in das, was das jüdische Volk erreicht hat und wofür es weiterhin steht, mit einschließen.

Und ich fürchte auch, dass uns unser Stolz und unsere Würde bei dem „aufrechten Gang“ vergessen lässt, dass auch andere gedemütigte Völker das Gleiche brauchen. Zionismus ist die zeitgenössische Manifestation des Segens aus der Thora „das Joch der Unterdrückung zu zerbrechen und aufrecht zu gehen“. Die Erfüllung in unserer Zeit sollte uns für diese anderen Völker der Erde sensitiveren, die sich ebenso nach Freiheit sehnen – und nach Respekt.

Shabbat Shalom wünscht Ihnen

arzenu Deutschland e.V.

1 http://english-zone.com/holidays/mlk-dreamg.html

Parashat Bechukotaj

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