Parashat Bebar, Leviticus 21:1-24:23, wird in der Woche gelesen, die am Shabbat, den 21. Mai 2016 endet.

Emor: Wer hat Angst Omer zu zählen?

Von Rabbi Neal Gold, Übersetzt von Jakob Walbe

Die fünfzigtägige Zeit zwischen Pessach und Shavuot hat einen seltsamen Status im jüdischen Leben. Diese Saison wird Sefirat Ha-Omer das Zählen des Omer genannt und wir zählen: „heute ist der erste Tag seit dem Omer, zweiten Tag seit dem Omer“ und so weiter, für neunundvierzig aufeinanderfolgende Tage zählen wir so.

Die Herkunft dieses bizarren Rituals (und es wird noch seltsamer) finden wir in dem dieswöchigen Thoraabschnitt. Leviticus, Kapitel 23 beschreibt den Festagskalender des alten Israel. Einzigartig in den Feiertagen ist jedoch die Einführung in diese Zeit nach Pessach:

דַּבֵּר אֶל-בְּנֵי יִשְׂרָאֵל, וְאָמַרְתָּ אֲלֵהֶם, כִּי-תָבֹאוּ אֶל-הָאָרֶץ אֲשֶׁר אֲנִי נֹתֵן לָכֶם, וּקְצַרְתֶּם אֶת-קְצִירָהּ–וַהֲבֵאתֶם אֶת-עֹמֶר רֵאשִׁית קְצִירְכֶם, אֶל-הַכֹּהֵן.

Rede mit den Kindern Jisraels und sage ihnen: „ Wenn ihr in das Land kommen werdet, dass ich euch geben will und euerer Ernte halten werdet, dann sollt ihr ein Omer, die Erstlinge eurer Ernte, dem Priester bringen. (Lev. 23.10)

Die Beschreibung „Wenn ihr in das Land kommen werdet“ sieht etwas voraus: In der Zeit des Omer wird etwas spezielles mitklingen, für das Land Israel und seine Bewohner, sie wird anders als der Rest des Kalenders sein.

Das Wort Omer bedeutet „Garbe“ im Sinne von „ein Bund von Stielen“. Das Gebot ist, dass man am Tag nach Pessach eine Garbe der ersten Gerstenernte der Saison sammeln soll und zum Priester als ein Opfer für G’tt bringen soll. Gerste war das erste Getreide, dass reif wurde. Wir können uns vorstellen, wie die damaligen Bauern mit der ersten Ernte des Jahres kommen, mit Gebeten auf den Lippen, dass es der Beginn eines Jahres mit einer erfolgreichen Ernte sein möge. Fünfzig Tage von diesem Zeitpunkt, an Shavuot, in der Zeit des bikkurim, der ersten Weizenernte, würde er, mit G’ttes Hilfe, dankbar zurückkommen.

וּסְפַרְתֶּם לָכֶם, מִמָּחֳרַת הַשַּׁבָּת, מִיּוֹם הֲבִיאֲכֶם, אֶת-עֹמֶר הַתְּנוּפָה:  שֶׁבַע שַׁבָּתוֹת, תְּמִימֹת תִּהְיֶינָה.

Zwischen dem Gerste- und dem Weizenopfer gebietet uns die Thora die Tage zu zählen:

„ihr zählt alsdann vom anderen Tag des Feiertages, von dem Tag, an dem ihr das Omer der Wendung dargebracht habt, sieben ganze Wochen. Bis auf den Tag nach der siebten Woche zählt ich fünfzig Tage und bringt dann neue Speiseopfer, dem Ewigen zu Ehren. (Lev 23:15)

Oberflächlich betrachtet ist das eine einfache Mitzvah: Bringt die ersten Garben der Gerstenernte zu den Priestern, zählt 49 Tage und am 50. Tag kommt zurück zu den Priestern mit den ersten Garben der Weizenernte.

Aber unter der Oberfläche geschieht viel mehr. Die jüdische Tradition überdeckt die gesamte Omer-Zeit mit dunklen, sogar furchtbaren Zügen. Lange Zeit nach den Tagen der Bibel begannen die Rabbiner bestimmte Traditionen, welche die Dunkelheit dieser fünfzig Tage unterstreichen sollten: Zwischen Pessach und Shavuot waren keine Hochzeiten erlaubt (mit der Ausnahme des 33. Tages) das Schneiden der Haare wurde untersagt und ebenso instrumentale Musik, alle dies sind Manifestationen des Trauerns. In Anbetracht, dass die Omer-Zeit in die eher muntere Zeit des Frühlings und Frühsommers fällt, stellt man sich die Frage, warum sie ausgerechnet solche ersten und traurigen Züge erworben hat.

Der Bibelwissenschaftler Jacob Milgrom hat in seiner monumentalen (2800 Seiten!) Untersuchung entdeckt, dass dies eine erschreckende Zeit in der biblischen Ära war. Er fragte sich was das Zählen von Tagen bedeuten soll und kam zu dieser Hypothese:

(Detusche Übersetzung im nächsten Abschnitt)

I admit that I cannot fathom the purpose of the fifty-day counting, and the literature I have consulted is of no help. But I have a visceral intuition that, originally, there was some incantation recited each day to ward off the demons of the weather, but with the triumph of Israelite monotheism, the magical incantations were excised and all that survived was the counting.1

Ich gebe zu, ich kann den Grund des fünfzig Tage langen Zählen nicht ergründen und die Literatur, die ich untersucht habe, war keine Hilfe. Aber ich habe eine innere Intuition dass es sich ursprünglich um eine täglich wiederholte Beschwörung war, um die Dämonen des Wetters fernzuhalten, durch den Triumph des israelischen Monotheismus wurden die Beschwörungen herausgeschnitten und alles was übrig geblieben ist, ist das Zählen.

Mit andern Worten, die Ankunft der Gerstenernte war die Ouvertüre für eine, wenn G’tt es so will, erfolgreiche Ernte in der Zukunft. In der Antike führten die Menschen alle möglichen abergläubischen Rituale auf, um ihre Ernte von dämonischen Kräften zu beschützen. Eines dieser Rituale – das Einzige das bis zur biblischen Zeit überlebt hatte – war das Zählen von Tagen. Dieses Ritual bestand weiter.  Aber, fragt Dr. Milgrom, was macht diese Saison so prekär, dass die Menschen im Altertum so ängstlich machte? Seine Antwort ist fabelhaft:

It is no accident that the sirocco, the hot, dry Egyptian east wind, is called in Arabic el-hamsin, a word related to Arabic hamsun and Hebrew chamishim, “fifty.” The fifty-day period when the sirocco blows occurs between April and June, when these winds suddenly cause the temperature to rise and the humidity to plummet, resulting in the withering and killing of plants (see Genesis 41:6, 23; Isaiah 27:8; Ezekiel 17:10, 19:12; Jonah 4:8) and weakness, heat stroke, and death to humans (see II Kings 4:18-20 – during the grain harvest!).

A silent but striking witness to the perilousness of this season is the fact that Deuteronomy stresses the motif of rejoicing for Shavuot and Sukkot (Deut. 16:11, 14-15), but omits it for Pesach (vv.1-8), even though the gathering of the nation at the central sanctuary—Deuteronomy’s central innovation—would, presumably, be a prime occasion for family celebration. The beginning of a fifty-day period of unstable and precarious weather, which could possibly fatally damage the year’s crop, not to speak of human health, is no time for rejoicing.2

Es ist kein Zufall dass der „Sirocco“ der heiße und trockene ägyptische Ostwind auf Arabisch „el-hamsin“ genannt wird, einem Wort, welches mit dem Arabischen „hamsun“ und hebräischen „chmshim“ (fünfzig) verwandt ist. Der fünfzigtägige Zeitraum in welchem der Sirocco weht, liegt zwischen April und Juni, wenn der Wind plötzlich dafür sorgt, dass die Temperaturen steigen und die Luftfeuchtigkeit abstürzt, was zur Verwendung und Absterben von Pflanzen führt (S. Genesis 41:6, 23; Isaiah 27:8; Ezekiel 17:10, 19:12; Jonah 4:8) und auch Schwäche, Hitzschlag und Tod beim Menschen bringt (S. II König 4:18-20 – während der Getreideernte)

Ein Leiser aber mächtiger Zeuge für die Gefährlichkeit dieser Saison ist die Tatsache, dass in Deuteronomium das Motiv der Freude für Shavuot und Subkot so hervorgehoben wird (Deut. 16:11, 14-15) diese für Pessach aber ausbleibt (vv.1-8), auch wenn die Zusammenkunft der Nation am zentralen Heiligtum – Deuteronomiums zentrale Neuerung – eigentlich der primäre Grund für familiäre Feierlichkeiten sein sollte. Der Beginn einer fünfzigtägigen Zeit mit unstabilem und prekärem Wetter, welches möglicherweise die diesjährige Ernte komplett zerstören könnte, um nicht einmal von der Gesundheit der Menschen zu sprechen, ist keine Zeit für Jubel.

Mit anderen Worten meint Milgrom, dass diese fünfzig Tage im altertümlichen Nahen Osten als eine angsteinflößende Zeit bekannt waren. Jeder Bewohner oder Gast in Israel kannte den Hamsin im frühen Sommer: der trockene, heiße Wind, welcher keine Erleichterung von der stehenden Luft bringt. Für unsere biblischen Vorfahren kam der Hamsin mit voller Härte, er konnte die Saat zerstören und die Ente eines kompletten Jahres verwüsten! Milgrom verbindet den Hamsin und chamishim, diese fünfzig Tage, welche dem Bikkurim Fest, dem Fest der ersten Erne am sechsten Sivan vorausgingen.

Die Tatsache, dass die Torah schon impliziert, dass diese fünfzig Tage eine schwere Zeit waren, bringt uns in die Zeit der Mishnah. Zu diesem Punkt in der Geschichte lebten die Juden nicht mehr in einer primär landwirtschaftlichen Gesellschaft, sonder in einem kaufmännischen Wirtschaftsystem. Trotzdem behielten sie die Tradition der Nachdenklichkeit während der Zeit des Omer. Darum erzählt der Talmud eine Geschichte, welche noch mehr Zeichen des Todes und Märtyrertum in die Zeit des Omer bringt – eine Zeit, welcher schon die Erinnerung von Angst anhing.

„Es wurde gesagt, das Rabbi Aktiva zwölftausend  Paare von Schülern zwischen Givat (im nördlichen Galilea) und Antipatris (nordwestlich von Jerusalem) hatte. Alle starben während seiner Lebenszeit, zur gleichen Zeit – weil sie sich nicht mit kavod (Anstand und Respekt) behandelten.

Es wird gelehrt, dass alle zwischen Pessach und Shavuot starben. Rabbi Chama ben Abba sagte – einige sagen es war Rabbi Chiyya bar Avin, der er gesagt hat – alle starben einen schrecklichen Tod. Was war es für einer? Rabbi Nachman sagte: Krupp (Durch Diphterie ausgelöste Entzündung der Luftröhre a.d.R.) (Talmud, Yevamot 62b)

Wie kann es sein, dass 24000 aus dem Gefolge von Rabbi Aktiva in einer Zeit von sieben Wochen starben? Der Text ist mehrdeutig, einige vermuten, dass es sich um eine verschleierte Andeutung eines von römischer Hand verübten Massakers  handelt. Aber der Talmud behauptet, dass die Tode passierten, da sich die Schüler nicht mehr mit Würde oder Respekt behandelten.

Und so folgte die Tragödie und schlussendlich war das Land verloren.

Vielleicht können wir die biblische Angst vor dem Hamsin und der Zerstörung von Rabbi Aktiva’s Gemeinschaft nehmen und Bedeutung für unsere eigene Zeit finden. Gemeinsam lernen sie uns, dass es für Israel zwei Quellen von tödlicher Gefahr gibt: von außen und von innen.

In der Thora kann die Gefahr für Israels Überleben von Außerhalb der Grenzen kommen, wie er von dem Winden des Schicksals in dieser Saison kommen kann. Die inneren Bedrohungen kann von dem schlechten Verhalten der Juden selber kommen, wie der Talmud in seiner Geschichte von Rabbi Akiva’s Studenten erkannte.

Der moderne Zionist weiß genau, dass Israel auch heute anfällig für beide Arten von Feinden ist. Da gibt es die externen Gefahren – G’tt weiß wir haben unseren Teil von ihnen: ein nuklear aufgerüsteter Iran, Hamas, Hezbollah, BDS. Ebenso haben wir interne Gefahren, welche genau so real sind: religiöse Fundamentalismus, Rassismus, Bedrohungen für Israels Demokratie durch extremistische Gruppen, die schleichende Gefahr durch jüdischen Extremismus.

Macht keinen Fehler: Beide sind existenzielle Kämpfe um die Seele der Staates Israel. Heutige Zionisten sind verpflichtet beide Arten von Gefahren zu bekämpfen. Wir müssen uns unterstützen und um unsere sehr reellen Feinde zu bekämpfen, die uns von jenseits der Grenze bedrohen uns auszulöschen. Gleichzeitig müssen wird keine Angst diejenigen die Israels Seele von innen verderben zu bekämpfen, indem wir Israel auffordern nach den höchsten Werten der Freiheit und die Friedens zu streben, wie unser Tradition es verkündet.

Wir wünschen Ihnen allen Shabbat Shalom

Ihr arzenu Vorstand

Parashat Emor

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