Parashat Bebar, Leviticus 25:1-26:2, wird in der Woche gelesen, die am Shabbat, den 28. Mai 2016 endet.

Behar: Vision von Gleichberechtigung in der Thora

Von Rabbi Neal Gold, übersetzt von Jakob Walbe

In dem Theraabschnitt von letzter Woche habe wir über die Mitzwah des Omer-Zählens gelesen. Die Zeit des Omer ist die siebenwöchige Zeit, welche an Pessach beginnt und 50 Tage später an Shavuot endet.

In der dieswöchigen Parasha finden wir eine Fortführung dieser Idee auf einer größeren Ebene:

„Du zählst sieben solcher Feierjahre, nämlich siebenmal sieben Jahre, sodass diese sieben Feierjahre zusammen eine Zeit von neunundvierzig Jahren ausmachen.

Hier findet ein weiteres Zählen statt, über einen größeren Zeitraum: wir zählen Jahre. Alle sieben Jahre wird ein Jahr „Shabbat für das Land“ genannt – ein Sabbatical, in welchem Felder und Plantagen brach liegen. (Neuere jüdische Tradition nennt jedes dieser Jahre ein „Shmitta“ Jahr) Und nach jeder der, aus sieben Jahren bestehenden, sieben Gruppierungen erreicht das Zählen im 50. Jahr mit einem Festival seinen Höhepunkt. Diese wird „Jowel“  oder Jubiläumsjahr genannt und es hat wie Shavuot, mit welchem es Ähnlichkeiten hat, eine besondere Heiligkeit für sich alleine.

Wie sind Shavuot, welches den Moment feiert, an dem wir die Thora erhalten haben, mit dem Joweljahr verbunden?

Beide, Shavuot und das Jowel, trennen 50 Zeiteinheiten nach einem Shabbat (der erste Tag von Passach wird in Lev. 23:15 Shabbat genannt) Beide werden mit dem Ton des Shofar begrüßt (Exodus 19:16, Lev. 25:9) aber noch viel wichtiger: beide unterstreichen die Gleichheit aller Bürger.

An Shavuot war jeder in Israel gleichermaßen anwesend – ungeachtet der Klasse, Alter intellektueller Errungenschaften, mit oder ohne Behinderungen oder sonst einer willkürlichen Trennungslinie:

„Es wird gelehrt: Als sich der gesegnete, einzig Heilige am Berg Sinai offenbarte, sah ganz Israel wie jemand das Licht in einer gläsernen Laterne sieht, und in diesem Licht sah jeder was nicht einmal der Prophet Ezekiel sah. Wie konnte das sein? Die übernatürlichen Stimmen wurden als eine Stimme offenbart, wie es geschrieben steht: „Das ganze Volk sah die Donnerstimmen“ (Exodus. 20:15) Im Gegensatz zu Ezekiel, dem die Shekhina mit ihren Chariots offenbart wurden, aber nicht mehr und er sah als wenn er hinter vielen Mauern stünde (Zohar, Yitro 2:82a)

Genau wie bei der Offenbarung am Berg, Sinai bei welcher jede Person gleich war, so ist auch das Jowel eine wichtige gleichmachende Kraft für die Gesellschaft. Die primäre Charakteristik des Jowel ist eine Berichtigung von gesellschaftlichen Ungleichheiten. Es ist G’ttes kosmische „Escapetaste“. Und so funktioniert es:

Jede Sippe im alten Israel bekam ein Stück Land zugewiesen. Über die Jahre konnten die Familien ihr Land verlieren, vielleicht durch Dürren schlechtem Haushalten, habgierigen Grundbesitzern, sehr viel Pech, durch Inkompetenz etc. In dem Joweljahr kehrten die Familien zum Land ihrer Vorfahren zurück und nahmen es wieder in Besitz. (25:13) Schulden wurden erlassen wie in jedem Shmitta Jahr (25:8-12) Israelischen Sklaven wurden ihre Freiheit zurückgegeben (25:10) Zudem wurden Möglichkeiten für Familien gezeigt, wie sich die Schulden ihrer verzweifelten Mitglieder abzahlen konnten.

Dies ist eine beeindruckende Vision für die Gesellschaft, die zu verhindern versucht, dass die ökonomische Situation von einzelnen komplett verzweifelt und hoffnungslos wird. Das damalige  Volk Israel zählte diese Jahre, sogar im Exil. Das Buch von Nehemia beschreibt, wie die Juden die Mitzwah des Shabbatjahres zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil wieder aufnahmen (Nehemia 10:23) Auch Josephus zeichnete auf, wie der Hohepriester in Jerusalem Alexander den Großen über die seltsame Praktik informierte, dass die Juden ihr Land alle sieben Jahre brach liegen ließen. (Antiquties 11:338)

Nach dem Talmud kam das Jowel – und all seine ökonomischen Umverteilungen – letztendlich zu einem Ende:

Es wurde gelehrt: Als der Stamm von Ruben, der Stamm von Gad und der Halbstamm von Manasseh in Exil ging, wurde das Jowel abgeschafft, wie es geschrieben steht: Das fünfzigste Jahr sollt ihr also heiligen und im Land allen Einwohnern Freiheit ausrufen (Lev. 25:10) „allen Einwohnern“ bedeutet nur wenn alle Einwohne wirklich in dem Land wohnen, nicht wenn einige von ihnen im Exil sind (Talmud, Arakhin 32b)

Trotzdem zählten Juden in den vergangenen Jahrhunderten die Shmitta, in Vorbereitung auf die zukünftige Rückkehr in das Heimatland ihrer Vorfahren.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Zionisten, welche in den, im späten 19. Jahrhundert einsetzenden, Wellen von Aliyah zurückkehrten, ganz vernarrt auf diese Passagen aus der Thora waren, waren die Gesetze der Shmitta und des Jowes doch Teile eines Dramas, welches sich zwischen dem Land und dem Volk entfaltete.

Einer von den Rückkehrern, Rabbi Avraham Yitzchak Ha-Cohen Kook schrieb 1909 eine kurze Abhandlung unter dem Titel „Shabbat Ha’aretz“ in welcher er die Chancen von Shmitta und Jowel für die rückehrenden Pioniere analysierte. Rabbi Kook war ein kabbalistischer Zionist, er fand Heiligkeit aus dem Land quellen, wo immer er hinschaute. Er fand, dass die Zeit für die erneute Kultivierung des Shmitta und des Jowel reif war, in diesem neuen Zeitalter der jüdischen Geschichte.

Der Geist des Jowel wird große Kräfte sammeln bis es ausreichende Kraft hat, nicht nur das Gute in der Seele der Menschen zu zeigen und zu schützen, wie es die Shmitta tut, sonder auch Schiefe und Zerbrochenheit der Vergangenheit zu reparieren.

Er sah das mystische Potential dieser Traditionen nicht nur um das Land zu erlösen, sondern auch den menschlichen Geist derjenigen, die auf dem Land lebten.

Rabbi Kook erfreute sich auch an der Perspektive der religiösen Erneuerung, welche beginnen würde, wenn die Juden in ihr Land zurückkehrten. Letztendlich sind eine Vielzahl von Mitzwot, Shmitta und Jowel sind nur zwei Beispiele, daran gebunden, dass man im Land Israel ist, um sie auszuführen. Fünf Jahre nach seiner eigenen Aliyah schreibt Rabbi Look mit der Aufregung eines neuen Immigranten im Land seiner Träume:

Die Wiederherstellung des Volkes in seinem heiligen Land ist noch neu, und was wir bis jetzt aufgebaut haben ist winzig im Vergleich zu dem Großartigkeit unserer Hoffnung… So ist auch  unsere spirituelle Erneuerung, welche beginnt unser wertvolles Land zu erheben noch klein und schwach. Die Herrlichkeit die auftauchen wird, wenn Shmitta und Jowel in unserem heiligen Land eingehalten wird, scheint noch weit entfernt zu sein. Trotzdem wird unser Geist erhoben bei allen Mitzwot, die wir erfüllen können und welche mit unserem Land verbunden sind, auch wenn das, was wir haben, noch stückhaft ist. Jetzt ist die Zeit die Aspekte der Thora zu beleben, welche ausdrücklich über die Rückkehr in das Land sprechen. (1)

„Genau!“ könnten wir ausrufen. Rabbi Look sagt, dass die Rückkehr in das Land zu einer Wiederentdeckung der Mitzwot insperiert, von dem Land abhängig sind, auch wenn wir sie nicht zu 100% befolgen können, es ist es wert, sie in dem möglichen Rahmen zu erfüllen. (Hier spricht er Maimonides nach, welcher argumentiert, dass die wahre Erfüllung von Shmitta und Jowel auf den Messiah warten müsse) Trotzdem könnten Sie fragen: „Welche Teile diese Mitzwot können wir heute beginnen zu erfüllen?“

Mit Sicherheit ist des Jowels Gedanke nach sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit die Antwort. In dem Jowel sehen wir die größte Vision von Freiheit in der Thora: Eine, in welcher die Wirtschaft so begrenzt ist, dass niemand unter irgendwelchen Umständen Teil einer permanenten ökonomisch schwachen Klasse werden kann.

Im Sommer/ Herbst 2011 demonstrierten Hunderttausende von Israelis im ganzen Land verteilt unter dem Banner „Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit“. Menschen aus dem kompletten Spektrum von ethnischem Hintergrund, sozialer Klasse und Religiosität kamen überall zusammen, um gegen die unvernünftigen Wohnungskosten, Verschlechterung im Bildungs- und Gesundheitssystem und einer Wirtschaft die so aufgebaut ist, dass sie die Reichen bevorzugt zu demonstrieren. Israel, welches mit der Vision einer sozialen Gleichheit gegründet wurde, hat ein atemberaubendes Maß an Ungleichheit zwischen arm und reich erreicht. Ein großer Teil der Israelis begann zurückzuschlagen. Kurz vor Rosh HaShana 2011 gingen 400000 Israelis auf die Straße, das ist mehr als 5% der gesamten Bevölkerung des Landes!

Wir können den Aufruf von Leviticus beachten: „…und im Land allen Einwohnern Freiheit ausrufen.“ und auch wenn wir wissen, dass eine perfekt gerechte Gesellschaft nicht in Nähe ist, können wir uns einen jüdischen Staat vorstellen, in welchem eine Gesellschaft lebt, welche nach den Idealen des Jowel strebt.

Dies ist vielleicht die ultimative Verbindung zwischen Jowel und Shavuot. Shavuot ist der Höhepunkt eines Prozesses, welcher an Pessach begann. Sieben mal sieben Tage später erklingt das Shofar, wenn ganz Israel den größten Propheten gleich wird und die Thora empfängt. Das Jowel ist der Höhepunkt eines Prozesses, welcher im Shmittajahr beginnt. Sieben mal sieben Jahre später erklingt das Shofar und erklärt Gleichheit und Freiheit unter G’ttes ganzer Kreation. Wenn dieses Versprechen erfüllen wollen, müssen wir an einer Gesellschaft arbeiten, welche durch ökonomische Gerechtigkeit und Hoffnung auf ein besseres Leben für alle Bewohner des Landes arbeiten.

Wir wünschen Ihnen alle Shabbat Shalom

arzenu Deutschland e.V.

 

 

 

 

(1) Rabbi Abraham Isaac Kook, Shabbat Ha’aretz, trans. Julian Sinclair, Hazon, Inc., 2014, pp.132-135.

Rabbi Neal Gold is the Director of Content & Programming for ARZA. He can be reached at ngold@arza.org.

Teile der Übersetzung erfolgten vom Hebräischen ins Englische und dann ist Deutsche und können so vom Originaltext abweichen.

Parashat Behar

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