Parashat Chaje Sarah, Genesis 23:1-25:18, wird in der Woche gelesen, die am 26. November 2016 endet.

Chaje Sara – Jitzchak und Jischmael: das komplizierte Erbe von Hebron

Von Dr. Lisa D. Grant, übersetzt von Jakob Walbe

וַיִּגְוַ֨ע וַיָּ֧מָת אַבְרָהָ֛ם בְּשֵׂיבָ֥ה טוֹבָ֖ה זָקֵ֣ן וְשָׂבֵ֑עַ וַיֵּאָ֖סֶף אֶל־עַמָּֽיו׃

וַיִּקְבְּר֨וּ אֹת֜וֹ יִצְחָ֤ק וְיִשְׁמָעֵאל֙ בָּנָ֔יו אֶל־מְעָרַ֖ת הַמַּכְפֵּלָ֑ה אֶל־שְׂדֵ֞ה עֶפְרֹ֤ן בֶּן־צֹ֙חַר֙ הַֽחִתִּ֔י אֲשֶׁ֖ר עַל־פְּנֵ֥י מַמְרֵֽא׃

הַשָּׂדֶ֛ה אֲשֶׁר־קָנָ֥ה אַבְרָהָ֖ם מֵאֵ֣ת בְּנֵי־חֵ֑ת שָׁ֛מָּה קֻבַּ֥ר אַבְרָהָ֖ם וְשָׂרָ֥ה אִשְׁתּֽוֹ׃

Sodann verschied Awraham und starb in einem beglückten Alter, ein Greis und lebenssatt und ward eingetan zu seinen Vorfahren. Seine Söhne Jizchak und Jischmael begruben ihn in der Höhle zu Machpela, in dem Felde des Chitin Fron, Sohnes Zochars, welches vor Malre liegt, in dem Feld welches Abraham von den Kindern Chet gekauft hatte. Daselbst ward Abraham und seine Frau Sara begraben.

Vor etwa fünfzehn Jahren sah eich eine Dokumentation mit dem Namen „What I Saw in Hebron“ (was ich in Hebron sah), welche von einem Nachfahren einer Familie gedreht wurde, welche über Generationen in Hebron gelebt hatte, bis sie nach den Aufständen 1929 geflohen war. Der Film verband Erinnerungen von jüdischen Überlebenden mit einem epischen Docutainment über die knapp hundert heutigen jüdischen Siedler (und den nahezu in gleicher Stärke anwesenden Soldaten, welche sie vor den 40.000 palästinensischen Bewohnern der Stadt schützen).

Für mich war einer der beeindruckenden Momente des Films eine Szene in welcher der Produzent eine junge jüdische Frau, welche in der winzigen, von Palästinensern und Soldaten umgebenen jüdischen Enklave lebt, sagte, was sie über die Palästinenser denke. „Ich sehe sie nicht wirklich“ war ihre Antwort.

Über Jahrhunderte hatte eine kleine und fromme Gemeinde von sephadischen Juden in relativ friedvoller Koexistenz mit ihren arabischen Nachbarn in Hebron gelebt. Die späten Zwanziger sahen jedoch eine Periode von Unruhen zwischen Arabern und Juden, welche in Jerusalem begannen und sich über die anderen Gebiete ergossen. Im August 1929 ermordeten Araber 67 Juden und verletzen mehrere hundert weitere in einem mehrere Tage andauernden Aufstand. Nachdem der Aufstand niedergeschlagen war, verließen die Überlebenden Hebron und ließen sich an anderen Orten des Yishuv (die vorstaatlichen Siedlungen im Land Israel) nieder.

Nachdem die Israelis Hebron im Jahr 1969 während des Sechstagekriegs erobert hatten, begannen die Juden zurückzukehren. Diese neuen Siedler waren aus der extremen Rechten innerhalb der ashkenazischen religiöses-zionistischen Bewegung. Unter ihnen war der radikale Dr. Baruch Goldstein, ein Mitglied der rechtsextremen Kach-Partei von Meir Kahane, welche offen die Vertreibung von Arabern verlangte.

Im Jahr 1994, als Purim mit dem Ramadan zusammenfiel, betrat Goldstein die Höhle der Patriarchen und schoss 29 der moslemischen Betenden nieder und verletzte dutzende weiterer. Heute liegt das Grab von Goldstein im „Meir Kahane Momorial Park“ in Kiryat Arba, einer jüdischen Siedlung, welche Hebron überblickt. Der Park wurde erbaut und wird auch erhalten von – israelischen Steuergeldern.

Hebron ist für Juden ein heiliger Ort, da die Höhle von Machpelah, welche Abraham als Grabstätte für seine Frau Sara gekauft hatte, dort liegt. Dieser erste Grunderwerb in der Bibel dient als Eröffnungsszene von Parashat Chaje Sara (Genesis Kapitel 23) Aber Hebron ist auch heilig für die Moslime, welche Abraham als Prophet und Vater von Jishmael verehren. Es ist das Zentrum eines andauernden Konflikt zwischen Muslimen und Juden.

Während der zweiten Intifada ereigneten sich zahlreiche gewalttätige Zwischenfälle in Hebron. Das israelische Militärestablishment entschied, dass der beste Weg um die Gewalt zu enden sei, die Araber vom Zentrum der Stadt zu verbannen. Heute ist das, was einmal ein betriebsamer, mit Händlern und Anwohnern gefüllter Markt war, eine Geisterstadt. Es gibt lange Strecken inmitten der Durchgangsstraßen, welche Palästinenser nicht benutzen dürfen und die Straßen sind mit Betonblöcken gesperrt. Häuser sind mit schweren Metallplatten, welche an die Eingangstüren geschweißt sind, verschlossen. Balkone sind mit Gittern vor Stein und Projektilen geschützt. Der einzige Zu- und Ausgang für die wenigen verbliebenen palästinensischen Familien auf diesem Korridor verläuft über Leitern und über die Häuserdächer.

Einer der am erschüttertste Teile dieses kafkaesken Ortes ist ein Stück Straße, welche von der Höhle von Machpelah wegführt und durch Betonbariren zweigeteilt ist. Der größere Teil ist für den jüdischen Fuß- und Straßenverkehr reserviert. Der engere Teil ist für palästinensische Fußgänger. Tatsächlich können Juden und Araber nebeneinander gehen, ohne sich zu sehen, auf dieser getrennten und nicht einmal ansatzweise gleichberechtigenden Straße.

Der jüdische Besitzanspruch auf die Höhle ist klar in dem biblischen Text beschrieben. Nach einigen Verhandlungen bezahlt Abraham ein extrem hohen Preis um legalen Besitz auf die Grabstätte zu erlangen. Den Kauf kommentierend, bemerkt Robert Alter, dass Abrahams Sorgen über die Rechtslage in „ironischem Widerspruch mit seinem inneren Bewusstsein steht, dass das gesamte Land ihm (Abraham) und seinen Söhnen versprochen wurde“ 1 (und tatsächlich bleibt diese ironische Spannung bis heute erhalten, bewiesen durch die Entscheidung des „Executive Board of UNESCO“ welche versuchte eine Resolution anzunehmen, welche besagt, dass der Tempelberg allein den Moslimen heilig sei, nich den Juden) 2

Für viele Juden ist die Höhle von Machpelah, nur vom Tempelberg übertroffen, die zweitheiligste Stätte des Judentums. Dies beginnt mit dem biblischen Anspruch auf die Höhle und wird in der rabbinischen Literatur bekräftigt: „Es gibt drei Orte, an dem die Völker der Welt nicht sagen können „die habt ihr gestohlen!“ und dies sind: Die Höhle von Machpelah, der Tempelberg und das Grab von Joseph.“

Und trotzdem sind Juden nicht die Einzigen, die einen Anspruch auf diese heilige Stätte erheben. Muslime nennen Abraham auch ihren Patriarch, Vater ihres Propheten Ishmael. Eine Moschee hat an dieser Stelle für über tausend Jahre gestanden. Nach ältere Archäologische Beweise zeigen ein herodisches Gebäude aus der Zeit des zweiten Tempel und israelische Artefakte  von vor fast 3000 Jahren. Auch wenn der jüdische Anspruch älter und stärker ist, sind wir mit der Frage konfrontiert: Zu welchen Kosten? Wie dringend brauchen wir einen physische Ort, um unsere Toten zu ehren? In welchem Umfang ehren wird die Toten auf die Kosten der Lebenden? Wie viele Tode zum Zweck eines Zugangs zum heiligen Grab müssen wir noch ansehen, bevor die Kostbarkeit des Lebens an sich überwiegt?

Gegen Ende der Parasha kommen Jizchak und Jischmael zusammen um ihren Vater zu beerdigen. Der Text beschreibt: „(Abrahams) Söhne  Jizchak und Jishmael begruben ihm in der Höhle von Machpelah…“ (Genesis 25:8-9) Das ist das erste Mal, dass der biblische Text von einem Treffen berichtet, seitdem Abraham Hagar und Jishmael auf Saras Wunsch hin Verwiesen hat (Gen. 21:10) Aber beide Söhne wurden durch die Hand ihres Vaters traumatisiert, trotzdem kommen sie nach Abrahams Tod zusammen, um wörtlich gesprochen „die Vergangenheit zu begraben“.

Ist das Versöhnung oder Entspannung? Der Text kann uns nicht helfen. Es gibt keine Aufzeichnung über die Konversationen zwischen den beiden, nicht einmal an diesem ergreifenden Moment. Wir können uns nur vorstellen, was die Brüder gefühlt haben und was sie eventuell gesagt haben. Der JPS „Etz Hayim“ Kommentar spekuliert hierüber und hält fest, dass die beiden Brüder ihrem nich-komplett-perfekten Vater vergeben oder wenigstens Frieden mit ihm gefunden haben. Der Kommentar fährt fort mit den Worten: „Können wir dies als ein Modell für die Versöhnung zwischen zwei Familien sehen, die alte Wunden vergeben? Und kann es nicht auch ein Modell für die Nachkommen von Jitzchak und Jischmael, den heutigen Arabern und israelischen Juden sein, um eine Basis für Vergeben und Versöhnung zu finden? 3

Die rabbinische Interpretation bestätigt und rechtfertigt die Legitimität von Jitzchaks Erbe auf das Bündnis und das Land. Die Tradition hat jedoch Probleme damit, Jischmael zu verstehen. Er ist zwar der rivalisierende Bruder von Jitzchak, er ist aber auch Abrahams Sohn.

In einigen Texten versuchen die Rabbiner Jischmael zu delegitimieren, indem sie ihm vorwerfen, er hätte Götzen angebetet und sogar versucht Jitzchak schon früh zu ermorden. Aber der Midrash stellt sich ebenfalls vor, dass Abraham niemals aufgehört hat Jischmael zu lieben und dass er ihn sogar heimlich besucht hat, gegen Saras scharfen Einspruch. Es gibt auch einige Quellen, die andeuten, dass Jischmael kurz vor Abrahams Tod eine Kehrtwende gemacht und Jitzchaks Erbe anerkannt hat.

Diese Rabbinischen Texte formen die Geschichte der Thora so, dass Jitzchak Vorrang über Jischmael hat. Aber sie sind unvollständig. Damit die Versöhnung wirklich stattfinden kann, müssen wir zu den biblischen Quellen zurückkehren und uns vorstellen, wie die Unterhaltung ausgesehen haben mag, die vielleicht stattgefunden hat.

Können wir uns vorstellen, dass Jitzchak und Jischmael zueinander sagten, sie mögen die Vergangenheit hinter sich lassen, während sie ihrem Vater den letzte Ehre erwiesen? Können wir uns vorstellen, dass sie die Courage hatten, den harten und schmerzhaften Weg gemeinsam zu gehen,  welcher in eine andere Zukunft führt, als den bisher zurückgelegten?

Es ist diese Art von Neuinterpretation, die uns vielleicht erlaubt das nächste Kapitel in der verflochtenen Geschichte von Israel und Palästina mitzuschreiben, ohne die Vergangenheit auf Kosten der Zukunft zu privilegieren.

Wir wünschen Ihnen Shabbat Shalom

Ihr arzenu Vorstand

Das englische Original und viele weitere Studientexte für diesen Wochenabschnitt finden Sie unter: http://arza.org/blog/post/hayei-sarah-isaac-ishmael-hebron-s-complicated-legacy

Die deutschen Übersetzungen der Toraabschnitte entstammen aus dem Buch „Die Thora – In jüdischer Auslegung von W. Gunther Plaut, übersetzt von Anette Böckler. Erschienen im Gütersloher Verlagshaus

  1.  Robert Alter, (2004). The Five Books of Moses: A Translation and Commentary.  W.W. Norton and Co., p. 113.
  2.  Barak Ravid, Jack Khoury, “UNESCO Back Motion Nullifying Jewish Ties to Temple Mount” Haaretz, October 14, 2016
  3.  Etz Hayim: Torah and Commentary, The Rabbinical Assembly, The Jewish Publication Society (2001), p.140.
Parashat Chaje Sarah

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