Parashat Ki Tavo, Deuteronomy 62:1-29:8, wird in der Woche gelesen, die am 24. September 2016 endet.

Ki Tavo: Wo beginnt deine Geschichte?

Von Rabbi Neal Gold, übersetzt von Jakob Walbe

וְעָנִ֨יתָ וְאָמַרְתָּ֜ לִפְנֵ֣י׀ יְהוָ֣ה אֱלֹהֶ֗יךָ אֲרַמִּי֙ אֹבֵ֣ד אָבִ֔י וַיֵּ֣רֶד מִצְרַ֔יְמָה וַיָּ֥גָר שָׁ֖ם בִּמְתֵ֣י מְעָ֑ט וַֽיְהִי־שָׁ֕ם לְג֥וֹי גָּד֖וֹל עָצ֥וּם וָרָֽב׃
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Herauf sollst du vor dem Ewigen, deinem Gott, folgende Rede halten: „Mein Vater, der zu Aram wohnte, musste herumirren, zog nach Mizrajim, lebe daselbst als Fremdling mit einer kleinen Familie und wurde zu einer großen, mächtigen und Zahlreichen Nation. (Deuteronomium 26:5)

Jede Person, die eine Geschichte erzählt, muss sich zunächst diese Frage Stellen: Wo beginnt die Geschichte? Ob Du Tolstoy, Agnon oder J.K. Rowling bist, Du musst eine Entscheidung treffen: Wo beginnst Du die Erzählung?

Wenn Dich jemand fragen würde: „Wo beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes“, wo würdest Du anfangen?

Rashi fragt dies auch in seinem ersten Kommentar zum ersten Vers der Torah. Die Torah beginnt natürlich mit der Kreation der Welt. Musste sie aber hier beginnen? Warum beginnt die Torah – die Verfassung des jüdischen Volkes – nicht mit Abraham und Sarah, den Gründern der jüdischen Familie. Oder mit Jakob, den Ersten, der den Namen „Israel“ trug? Warum startet sie nicht mit Exodus 12:1, mit den ersten Geboten, welche dem Volk Israel in dem Moment gegeben werden, als es begann ein nationales Bewusstsein zu entwickeln?

Für Rashi muss die Torah mit der Kreation beginnen um Gottes Macht über die ganze Welt zu zeigen – und dadurch das Recht des jüdischen Volkes auf sein Land festzusetzen, so wie Gott jedem andere Volk in sein eigenes Land gegeben und es dorthin gepflanzt hat. Aber man kann sich auch einen anderen Autor mit einer anderen Agenda vorstellen, welcher die Geschichte an einem anderen Punkt beginnt.

In der Parashat Ki Tavo treffen wir erneut auf die Frage, wo die Geschichte beginnen sollte. Moses erwartet die Ankunft  im geloben Landes und die Besiedelung durch das Volk Israel. In der Zukunft, erzählt Moses seinem Volk, werden eure Träume beginnen in Erfüllung zu gehen: Ihr werdet Häuser bauen, Saat pflanzen und Früchte werden aus der Erde sprossen. Danach beschreibt er ein Ritual, welches in Zukunft stattfinden wird und in welchem jeder Israelit die ersten Früchte des Frühlings in Dankbarkeit nach in  Jerusalem zum Erntedank bringen wird.

In dieser Zeit wird  jeder Bauer eine knappe Erzählung aus der Geschichte des Volkes rezitieren. Wo beginnt diese Geschichte nun? „Mein Vater, der zu Aram wohnte, musste herumirren…“

Die Bedeutung dieses Verses ist jedoch nicht klar und voller grammatikalischer Probleme. Wer ist dieser „Vater“?

Die klassischen Kommentatoren der Torah sind sich uneinig: Für Iben Ezra ist es Jakob, welcher in Aram litt und letztendlich mit seinen Kindern nach Ägypten zog. Für Rashbam ist dieser „Vater“ Abraham, welcher aus dem östlichen Mesopotamien kam und sich im Land Kanaan aufhielt. Keiner dieser Antworten ist wirklich definitiv.

Diese unklare Passage kennen wir auch vom Pessachseder. Der Sederabend ist dem Erzählen der Geschichte des Exedus gewidmet, von Gefangenschaft zur Erlösung. Noch einmal, die Geschichte hätte von einem der vielen möglichen Startpunkte beginnen können (die Geburt von Moses? Die Versklavung der Juden? Josephs Verschleppung nach Ägypten? Gottes Vorhersage an Abraham, dass seine Kinder für 400 in Gefangenschaft in Ägypten leben werden?) Aber die Maggid-Passage der Haggadah beginnt mit diesen Versen aus Deuteronomiums Entedankfest. (Interessanterweise wird dies in der Haggadah kreativ ausgelegt. Anstatt zu sagen „Mein Vater war ein Flüchtling in Aram“ übersetzt sie „Ein Aramiter unterdrückte meine Vorfahren“ und verweist damit auf die Zeit, in welcher  Jakob mit seinem Schwiegervater Laban in Paddan-Aram lebte. In Genesis 31:20 wird Laban tatsächlich „Laban, der Aramiter“ genannt.

Welche Identität sich auch immer hinter den Geheimnisvollen Aramitern verstecken mag, das Ritual zum ersten Erntedankfest verweist auf diese und auf die Geschehnisse, welche einige Generationen in der Vergangenheit lagen. Die Geschichte beginnt, weit bevor der Bauer selber geboren wurde. In der Handlung des Sähens und des Erntens war er Teil eines Dramas mit der Erde, ein Drama welches lange vor ihm begann und auch nach ihm weitergehen wird.

Wir lernen aus diesem Text: Den Anfangspunkt einer Erzählung zu bestimmen, determiniert die Bedeutung der Geschichte.

Angelehnt hierzu stellen wir uns die Frage: Was ist, wenn Dich jemand fragt „Wo beginnt die Geschichte des modernen Israel?“ Was würdest du antworten?

Beginnt die Geschichte Israels mit der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948? Oder bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen, welche am 29. November 1974 für eine Teilung stimmte? Oder bei den ersten Alliyot am Ende des 19. Jahrhundert? Oder mit den Resten von jüdischen Gemeinden, welche in Jerusalem, Tiberias und Tzafet über die Jahrhunderte verblieben sind, zusammen mit dem Verlangen der Juden in der Diaspora, in ihr Heimatland zurückzukehren?

Ich habe zwei Geschichtsbücher über das moderne Israel untersucht, neugierig, wo sie die Geschichte beginnen.

In dem Buch von Anita Shapira „Israel: A History“ (Brandeis, 2014) entschied sich die Autorin mit Herzl zu beginnen. Der erste Satz des Buches ist „‚At Basel I founded the Jewish state‘ wrote Theodor Herzl in his dary after the Fist Zionist Congress in 1897„. Das politische Momentum für einen jüdischen Staat beginnt tatsächlich bei dem ersten Zionistischen Kongress.

Einen scharfen Kontrast bildet Howard M. Sachars monomentale „A History of Israel: From the Rise of Zionism to Our Time“ (2007) welches ein Jahrhundert früher startet, mit den ersten emanzipierten Juden der Moderne: „On Feburary 9th, 1807, an honor guard of French grenadiers beat a millitary tatoo on their drums at the entrance to the Hotel de Ville in Paris„. Sachar identifiziert die Wurzel Israels in der Moderne, dem Liberalismus und Nationalismus des 19. Jahrhunderts.

In Israels Unabhängigkeitserklärung beginnt die Geschichte sehr viel früher:

IN ERETZ ISRAEL stand die Wiege des jüdischen Volkes; hier wurde sein geistiges, religiöses und politisches Antlitz geformt; hier erlangte es staatliche Selbständigkeit; hier schuf es seine nationalen und universellen Kulturgüter und schenkte der Welt das Ewige Buch der Bücher. Mit Gewalt aus seinem Lande vertrieben, bewahrte es ihm in allen Ländern der Diaspora die Treue und hörte niemals auf, um Rückkehr in sein Land und Erneuerung seiner politischen Freiheit in ihm zu beten und auf sie zu hoffen… 2

Für die Autoren der Unabhängigkeitserklärung ist das moderne Israel das neuste Kapitel in der Geschichte des jüdischen Volkes in seiner Beziehung mit seinem Heimatland, welche im Jahr 70 CE einen Bruch erfuhr, welcher nun endlich zu reparieren begonnen wurde.

Wie wir sehen können, ist es extrem wichtig, wo wir beginnen unsere Geschichte zu erzählen. Es formt die ultimative Bedeutung der Erzählung und deren Werdegang. Wie die Bauern in Ki Tawo, welche sich an ihre frühesten Vorfahren mit Ehrfurcht und Dankbarkeit erinnerten, sahen sich die Gründer des modernen Israels selber als den neusten Teil einer uralten und sich andauernd entfaltenden Geschichte.

Daher: Wenn Dich jemand fragt: „Wo beginnt deine Geschichte?“ Wo beginnst du?


Shabbat Shalom wünscht Ihnen arzenu Deutschland e.V.

Das englische Original und viele weitere Studientexte für diesen Wochenabschnitt finden Sie unter: https://gallery.mailchimp.com/f7d47da986d48ddb1933530b5/files/Ki_Teitzei.pdf

Die deutschen Übersetzungen der Toraabschnitte entstammen aus dem Buch „Die Thora – In jüdischer Auslegung von W. Gunther Plaut, übersetzt von Anette Böckler. Erschienen im Gütersloher Verlagshaus

  1. https://www.biblegateway.com/passage/?search=Deut+26%3A5&version=WLC (gefunden am 21.09.2016 um 17:22 Uhr)
  2. http://www.israelnet.de/unabhaengigkeitserklaerung.html (gefunden am 21.09.2016 um 18:31 Uhr)
Parashat Ki Tavo

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