Parashat Ki Teze, Deuteronomy 21:10-25:19, wird in der Woche gelesen, die am 17. September 2016 endet.

Ki Teze: Wer ist Amalek?

Von Rabbi Neal Gold, übersetzt von Jakob Walbe

 זָכ֕וֹר אֵ֛ת אֲשֶׁר־עָשָׂ֥ה לְךָ֖ עֲמָלֵ֑ק בַּדֶּ֖רֶךְ בְּצֵאתְכֶ֥ם מִמִּצְרָֽיִם׃

 אֲשֶׁ֨ר קָֽרְךָ֜ בַּדֶּ֗רֶךְ וַיְזַנֵּ֤ב בְּךָ֙ כָּל־הַנֶּחֱשָׁלִ֣ים אַֽחַרֶ֔יךָ וְאַתָּ֖ה עָיֵ֣ף וְיָגֵ֑עַ וְלֹ֥א יָרֵ֖א אֱלֹהִֽים׃

 וְהָיָ֡ה בְּהָנִ֣יחַ יְהוָ֣ה אֱלֹהֶ֣יךָ׀ לְ֠ךָ מִכָּל־אֹ֨יְבֶ֜יךָ מִסָּבִ֗יב בָּאָ֙רֶץ֙ אֲשֶׁ֣ר יְהוָֽה־אֱ֠לֹהֶיךָ נֹתֵ֨ן לְךָ֤ נַחֲלָה֙ לְרִשְׁתָּ֔הּ תִּמְחֶה֙ אֶת־זֵ֣כֶר עֲמָלֵ֔ק מִתַּ֖חַת הַשָּׁמָ֑יִם

לֹ֖א תִּשְׁכָּֽח׃   (1)

Denke daran, was dir Amalek getan hat auf dem Weg, als ihr aus Mizraijim zogt, wie er dich auf dem Wege überfiel und hinter dir her die Schwachen erschlug, die zurückbleiben mussten, eben als du verschmachtet und müde warst und fürchtete Gott nicht. Wenn dir nun der Ewige, dein Gott, in dem Land, das er dir zum Besitz geben will, von allen deinen Feinden umher Ruhe verschafft haben wird, sollst du das Andenken Amaleks austilgen unter dem Himmel. Dies vergiss nicht. (Deuteronomium 25:17-19)

Am Ende der schwindelregenden Liste von Mitzwot aus dieser Parasha stoßen wir auf das Gebot uns an das zu erinnern, was Amalek „uns getan hat“ und das Andenken Amaleks „auszutilgen unter dem Himmel“ – für immer.

So lasst uns erinnern: Amalek war das legendäre Nomadenvolk, welches der Prototyp des Erzfeindes der Juden war. Jedes biblische Zusammentreffen zwischen Israel und Amalek ist von Feindschaft gezeichnet. Die Amalekiter tauchen zum ersten Mal in Exodus 17:8-16 auf, wo sie sadistisch die Schwachen am Ende des Zuges angreifen, grade als die ehemaligen israelitischen Sklaven nun frei aus Ägypten auszogen.

In Genesis, wo die mystischen Ursprünge der Völker erzählt werden, taucht Amelek zum ersten mal auf. In Genesis 14:7 wird ein Schlachtfeld als „Gefilde des Amalekiters“ bezeichnet, selbst wenn, wie es der Midrash Bereshit Rabat 42:7 zeigt, der Mann Amalek noch nicht geboren war. Amalek selber taucht in Genesis 36:12 als ein Enkel von Esau und als Vorläufer der zwölf Stämme von Edom auf, welche in der Negev und der Sinai-Region leben.

Trotzdem erzählt uns die Tora nur sehr wenig über die Amalekiter. Was motiviert sie? Wer sind ihre Götter? Welche Sprache sprechen sie? Bibelgelehrte haben darauf aufmerksam gemacht, dass sie in keinerlei Quelle außerhalb der Tora erwähnt werden. Es gibt keinen archäologischen Fund, welcher die Existenz der Amalekiter mit Sicherheit attestiert. Ziemlich verschlagen von der Tora, uns zu gebieten, ein Volk zu erinnern, welches scheinbar niemals existierte.

Amalek schein mehr ein Mythos als ein Mann zu sein. Ein vorzeitlicher Feind, der Terror im jüdischen Herz hervorruft. In Numeri 13, als die Spione das Land Israel erkunden und beschließen die Herzen ihrer Genossen mit Angst zu erfüllen, berichten sie: „Amelek wohnt im mittäglichen Land“ (Num. 13:29) Wahrscheinlich erreichte Amalek einen mystischen Status im jüdischen Bewusstsein. Amalek wird mit den immerwährenden (wie es aussieht) genoziden Antisemiten assoziiert, welche das jüdische Volk auslöschen wollen. So wie uns die Pessach Haggadah erinnert, dass sich in jeder Generation ein Feind erhoben hat um uns zu zerstören, so wurde der Name Amalek zu einem Synonym mit einem Bösen, dass in jeder Zeit neu auftaucht.

In diesem konstanten Kampf von Gut gegen Böse, verfechtet die Thora die Meinung, dass das jüdische Volk, wenn es in sein eigenes Land zieht, eine Nation bildet und einen Platz der Sicherheit schafft, seine Aufmerksamkeit auf das Erbe von Amalek richtet soll und „das Andenken Amaleks austilgt“. Es ist seltsam, dass die Thora hier zu einem solchen Euphemismus greift anstatt platt zu sagen „Tötet die Amalekiter“. Die Thora sagt uns nicht, die Amalekiter zu töten – wo auch immer sie seinen. Ohne schönzureden, was mit Sicherheit ein gewaltsamer Text ist, können wir auf einige mildernde Kommentare zeigen, welche in unserer Geschichte verfasst wurden. Maimonides zum Beispiel besteht darauf, dass Amalek, wie in allen anderen Kämpfen in der Thora, die Möglichkeit der friedlichen Kapitulation gegeben werden muss, bevor angegriffen wird. In der mystischen Tradition – zum Beispiel in der Lehre des Ba’al Shem Gov – ist „Amalek“ die Arroganz in uns selber, welche immer Zerstörung hinterlässt. Es ist dieser Amalek, mit dem Gott fortwährend im Kampf ist. (Exedus 17:16)

Amalek ist die Verkörperung des Bösen und Gott weiß, dass sich das Jüdisch Volk Amelek immer direkt gestellt hat. Es ist schwer zu argumentieren, dass Hitler zum Beispiel nicht die Verkörperung Amaleks im 20. Jahrhundert war. Ist ein nuklear aufgerüsteter Iran, welche seine Raketen auf Tel Aviv richtet ein moderner Amalek? Vielleicht. Aber was ist mit den Palästinensern?

Hier gibt es ein Dilemma. Es ist sehr gefährlich unsere (sehr realen) Widersacher als „Amalek“ zu bezeichnen. Mit Amalek kann man nicht argumentieren; der Konflikt mit Amalek kann nicht nur durch Verhandlungen gelöst werden. Die einzige Möglichkeit mit Amelek umzugehen, ist seine Boshaftigkeit einzudämmen, bis sie letztendlich besiegt ist. Einen Feind „Amalek“ zu nennen bedeutet, ein bestimmten Absolutismus zu entfesseln, welcher im Nachhinein nicht mehr gezügelt werden kann- und dies ist eine gefährliche Aussicht.

Der Autor Rossi Klein Halevi fasst unser heutiges Dilemma über Amalek brillant zusammen, insbesondere im Kontext des Israelisch-Palästinensischen Konflikt. Halevi argumentiert, dass das jüdische Volk von heute mit zwei Stimmen aus unserer Vergangenheit ringt, zwei biblische Gebote uns „zu erinnern“. Auf der einen Seite seien wir angehalten Amalek zu erinnern, was bedeutet „seid nicht Naiv“ – es gibt Menschen da draußen, die uns verletzen wollen.

Auf der anderen Seite sollen wir uns erinnern, dass wir „Fremde im Lande Ägypten waren“ was bedeutet „seid nicht grausam“ – wie Halevi andeutet. Durch das Wissen was es bedeutet ein Fremder zu sein, sind wir angehalten, die Rechte der Minoritäten, die mit uns leben, zu beschützen und zu verteidigen.

Beide Arten des „Erinnerns“ sind richtig, erinnert uns Halevi. Aber er sagt auch, dass sich verschiedene Teile unserer Gemeinde eher das eine oder das andere Gebot entscheiden, selten für beide. Der rechte Rand legt mehr Wert auf „Erinnere Amalek“ indem Bedenken zur Sicherheit über alles Andere gehoben wird, auch über Menschenrechte. Die Linke möchte lieber, das wir uns daran erinnern das wir „Femde im Lande Ägypten waren“ und erheben soziale Gerechtigkeit über alles Andere, selbst über das Überleben des Jüdischen Volkes. Wer hat recht?

„Der Grund warum der Konflikt mit den Palästinensern so zerreißend für uns Juden ist“, schreibt Halevi, „ist der Punkt, dass hier zwei Gebote aus unserer Geschichte auseinander streben: Der Fremde in unserer Mitte wir von einer nationalen Bewegung repräsentiert, welche uns verdrängen will“.

Dies ist eine ernüchternde Realität für die heutigen Zionisten. Jeder von uns wird aufgerufen, beide Formen des Erinnerns zu erfüllen. Wir wissen, dass Amalek wirklich mit blinder Wut umherläuft, bereit uns jederzeit zu verletzen, wenn wir nicht aufpassen. Aber nicht jeder Widersacher möchte das jüdische Volk auslöschen. Einige haben Dinge zu erzählen, denen wir zuhören müssen und es gibt Ungerechtigkeiten, welche korrigiert werden müssen, wenn wir hoffen wollen, irgendeine friedliche Zukunft für uns und unsere Kinder zu erzielen.

Unsere Konflikte erfordern Selbstreflexion – die Stärke und die Weisheit zu identifizieren, wo Amalek heute wohnt – und wo nicht.

Rabbi Neal Gold

ngold@arza.org.

Arzenu wünscht Ihnen Shabbat Shalom.

Das englische Original und viele weitere Studientexte für diesen Wochenabschnitt finden Sie unter: https://gallery.mailchimp.com/f7d47da986d48ddb1933530b5/files/Ki_Teitzei.pdf

(1) https://www.biblegateway.com/passage/?search=Deuteronomy+25%3A17-19&version=WLC

Die deutschen Übersetzungen der Toraabschnitte entstammen aus dem Buch „Die Thora – In jüdischer Auslegung von W. Gunther Plaut, übersetzt von Anette Böckler. Erschienen im Gütersloher Verlagshaus

Parashat Ki Teze

Comments

comments

Markiert in:            
%d Bloggern gefällt das: