Parashat Matot, Numeri 30:2-32:42, wird in der Woche gelesen, die am 06. August 2016 endet.

Matot: Verliere niemals das Verlangen

Von Rabbi Neal Gold, übersetzt von Jakob Walbe

Stell dir vor, wie es gewesen sein muss, Moses in der Zeit von Matot zu sein. Seit dem Exodus sind fast vierzig Jahre vergangen, mein Gott, es scheint eine Ewigkeit her zu sein. Du bist den Berg Sinai hinaufgestiegen, hast die Thora empfangen; du hast die Tontafeln beim Anblick des goldenen Kalbes zerschlagen; du bist zurückgegangen und um Gnade und Vergebung für dein Volk gebeten. Du hast sie durch die Wildnis geführt und hast ein Unglück und eine Rebellion nach der anderen überlebt. Das Gleiche kann von deinen Geschwistern, Miriam und Aaron nicht gesagt werden, beide sind inzwischen von dir gegangen. Gegangen ist auch die komplette Generation, welche die Sklaverei noch erlebt hat. Deine Gefolgschaft besteht nun aus der nächsten Generation, eine die den Pharao und die Sklaventreiber nicht kannten, sondern nur die Jahre der Wanderschaft in Richtung eines unfassbaren Zieles. Nun ist dieses Ziel am Horizont: Du, Moses, stehst an der Klippe des Landes, das deinen Vorfahren versprochen wurde. Du hast sie so weit geführt, wissend dass du nicht vorbestimmt bist, einzutreten – trotzdem ist es ein kleiner Sieg zu wissen, dass Joshua die nächste Generation in das Land Israel führen wird.

„Verzeih uns, Moses, unser Lehrer“ unterbricht eine Stimme deine Grübelei. Es ist eine Gruppe von Ältesten aus den Stämmen Reuben und Gad. „Vergib uns die Unterbrechung. Wir haben eine bescheidene Bitte…“

הָאָ֗רֶץ אֲשֶׁ֨ר הִכָּ֤ה יְהוָה֙ לִפְנֵי֙ עֲדַ֣ת יִשְׂרָאֵ֔ל אֶ֥רֶץ מִקְנֶ֖ה הִ֑וא וְלַֽעֲבָדֶ֖יךָ מִקְנֶֽה׃

 וַיֹּאמְר֗וּ אִם־מָצָ֤אנוּ חֵן֙ בְּעֵינֶ֔יךָ יֻתַּ֞ן אֶת־הָאָ֧רֶץ הַזֹּ֛את לַעֲבָדֶ֖יךָ לַאֲחֻזָּ֑ה אַל־תַּעֲבִרֵ֖נוּ אֶת־הַיַּרְדֵּֽן׃

(1)

„Das Land, welches der Ewige vor der Gemeinde Jisraels geschaffen hat, ist zur Viehzucht bequem und deine Knechte haben Herren. Wenn wir also in deinen Augen Gnade gefunden haben“, fuhren sie fort, „so mag dieses Land deinen Knechten zum Eigentum übergeben werden. Führe uns also nicht über den Jarden“. (Numeri 32:4-5)

Wie fühlst du dich, Moses, wenn du diese Worte hörst? Du hast dieses Volk so weit geführt, eine Generation ist in der Wildnis gestorben, und du bist so nah an dem Preis. Und genau in diesem Moment sagen zwei Stämme zu dir: „Ach weißt du, wir fühlen uns wohl hier. Wir können an diesem Ort erfolgreich sein, an dem östlichen Ufer des Jordan und außerhalb des Landes Israel. Ist es OK, wenn wir einfach hier bleiben?“

וַיֹּ֣אמֶר מֹשֶׁ֔ה לִבְנֵי־גָ֖ד וְלִבְנֵ֣י רְאוּבֵ֑ן הַאַֽחֵיכֶ֗ם יָבֹ֙אוּ֙ לַמִּלְחָמָ֔ה וְאַתֶּ֖ם תֵּ֥שְׁבוּ פֹֽה׃

(2)

„Eure Brüder sollen in den Krieg gehen und ihr wollt hier bleiben?“ (32:6)

Moses weiß, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist, wenn die Stämme in das Land übergesetzt sind. Das Land ist nicht leer und es werden Kämpfe mit aggressiven Feinden gekämpft werden. Aus diesem Grund ist die Aufgabe das Land zu besiedeln ein Unterfangen, welches aller Ressourcen aller Menschen bedarf. Wer sind diese Stämme, dass sie sich von dieser nationalen Bestrebung distanzieren?

Letztendlich wird ein Kompromiss geschlossen. Wenn die Stämme Reuben und Gad ihrer Verantwortung gegenüber ihren Geschwistern, den anderen Stämmen, nachkommen und mit ihnen Kämpfen, dann wird Moses die Pflicht als getan ansehen und Reuben und Gad dürfen tatsächlich zurückkehren und die Familien und die Herden in dem fruchtbaren Weideland wachsen lassen.

Wenn wir diese Passage lesen, ist es nicht schwer den Prototyp der Beziehung zwischen Diaspora und Zionismus zu sehen und die fundamentale Spannung zu erkennen. Wenn wir uns entscheiden nicht in Israel zu leben, was sind dann unsere Verantwortung gegenüber denen, die sich die jüdische Heimstätte zu ihrer Heimat machen? Und eine andere – parallele – Frage, die sich jeder Zionist und jede Zionistin stellen muss ist: „Warum lebe ich nicht in Israel?“

Die Rabbiner vermuten, dass die Stämme Gad und Reuben dem fehlgeleiteten Wunsch nach materiellem Komfort verfallen sind, welcher mit einem kleinen bisschen Wohlstand und etwas Erfolg kommt.

„Wir wollen nur für unsere Herden Schafhürden hier bauen…“ (32:16) Sie kümmerten sich mehr um ihr Eigentum als um ihre Söhne und Töchter, da sie erst ihr Vieh ansprachen und erst dann ihre Kinder. Moses sagte zu ihnen: „Das ist nicht richtig! Mache die wesentlichen Dinge wesentlich und behalte die Nebensächlichkeiten nebensächlich. Erbaut erst Städte für eure Kinder und baut Schafhürden für euer Vieh danach. (RaSHI über Numeri 32:16, nach Midrash Tanchuma) (3)

Mit anderen Worten erkennt RaSHI was Reuben und Gad wirklich sagen: Wir mögen es hier und Komfort triumphiert über Idealismus. Und außerdem können wir die Bemühungen Israel aufzubauen doch auch von hier aus unterstützen, oder nicht? Er schält sie dafür, den persönlichen Komfort an erste und die jüdische Geschichte an zweiter Stelle zu stellen.

Und ich stelle mir in meinem Herz die Frage: „Sind amerikanische (und deutsche) Juden die Stämme Gad und Reuben?“

Oft frage ich mich, was Israelis, Menschen die Jahre ihrer Lebens für die Israel Defense Force (Israelische Verteidigungskräfte) geben, denken, wenn sie nach Amerika kommen. Besuchen sie die luxuriösen Synagogen, begaffen die Größe unserer Vorstadthäuser, staunen über den riesigen Konsum, den einige Familien verlangen und denken… „gehen deine Brüder in den Krieg, während du hier bleibst?“

Ich habe keine einfache Antwort auf die unbequemen Fragen, aber ich habe einen Teil davon. Vielleicht liegt in der Frage die Antwort. Damit meine ich folgendes: Die Stimme des Judentums sagt, dass wenn du dein Leben außerhalb von dem Land aufbaust, verliere niemals deine Sehnsucht nach dem Land. In dieser Sehnsucht liegt ein wichtiger Teil des jüdisches Geistes.

Von all den unzähligen Liebenden von Zion hat diese Sehnsucht wahrscheinlich keiner besser ausgedrückt als der in Spanien des 11. und 12. Jahrhunderts lebenden Dichters Yehudi Halevi. Halevi gehörte zu einem Kreis aus Dichtern, die religiöse und säkulare Themen meisterhaft zu Gedichten verwoben hat. Als er älter wurde, schlich sich das s Verlangens nach Zion in seine Gedichte, bis es zu einer Besessenheit wurde. An einem Wendepunkt seines Lebens verließ er Spanien um über Ägypten nach Palästina zu gehen. Als ihn ein Freund nach seinen Motiven befragte, warum er den Komfort eines erfolgreichen Synagogenlebens aufgeben wollte, welches Juden in Spanien gefunden hatten, antwortete er mit einem vernichtenden Gedicht:

Sollen wir in alten wurmigen Gräbern spuken

Und uns von des Lebens ewiger Quelle abwenden?

Sind Synagogen unser einziges Erbe

Und soll Gottes heiliger Berg keine Erben haben?

Und wo, im Osten oder Westen, sind wir sicherer

Als in dem Land dessen viele Tore alle in Richtung Himmel schauen?

(4)

Das Ende seines Lebens ist ein Mysterium. Nachdem er einige Monate in Ägypten verbrachte, wo er eine wichtige religiöse und kulturelle Persönlichkeit war, ging er am 7. Mai 1141 an Bord eines Schiffes nach Palästina. Von ihm wurde nie mehr etwas gehört, auch wurde er niemals in Palästina erkannt. War sein Schicksal außerhalb des Landes, wie das von Moses? Oder erreichte er es und nahm er die Aufmachung eines einfachen Pilgers an, anonym unter den Liebenden des Landes, um letztendlich erfüllt zu sterben, seine Suche beendend? Wir werden es niemals wissen.

Aber in seiner Sehnsucht nach Zion ist eine Stimme die uns alle anruft. Wenn wir nicht dort sind – warum nicht? Und da wir nicht da sind – was ist unsere Verantwortung, damit unsere Brüder und Schwestern nicht in den Kampf ziehen müssen (gegen Widersacher von außen und von innen) ohne unsere Hilfe.

Shabbat Shalom wünscht der arzenu Vorstand.

1.https://www.biblegateway.com/passage/?search=Numbers+32%3A4-5&version=WLC
2. https://www.biblegateway.com/passage/?search=Numbers+32%3A6&version=WLC
3. His story and many masterful translations are found in Hillel Halkin’s Yehuda Halevi, Nextbook/Shocken, 2010. (Frei übersetzt von Jakob Walbe)
4. In Halkin, pp.132-133. (Frei übersetzt von Jakob Walbe)
Die deutschsprachige Übersetzung der Texte aus der Thora entstammen aus „DIE THORA in jüdischer Auslegung, 3. Auflage, 1. Auflage der Sonderausgabe 2008, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus

Den Originaltext in englischer Sprache mit vielen weiteren Anregungsengen zum Wochenabschnitt finden Sie hier !

 

 

Parashat Matot

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